Lenny Neuer, Püttbergen-Grundschule : "Wir konnten vor Aufregung kaum schlafen"

Beim Mauerfall leitete mein Opa das Interhotel "Berolina". Seine größte Sorge am 9. November: Dass am nächsten Morgen die Mitarbeiter nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen.

Falk Rohner erzählt seinem Enkel Lenny Neuer vom Mauerfall - er war damals kaufmännischer Direktor im Interhotel "Berolina". Foto: Alice Epps
Falk Rohner erzählt seinem Enkel Lenny Neuer vom Mauerfall - er war damals kaufmännischer Direktor im Interhotel "Berolina".Foto: Alice Epps

Opa, wo warst Du am 9. November 1989?

Am 9. November 1989 war ich im Interhotel Berolina zur Arbeit. Als ich am Abend zu Hause war, habe ich im Fernsehen erfahren, dass Günther Schabowski vorgelesen hat, dass die DDR-Bürger ohne einen besonderen Anlass nachzuweisen, die Grenze nach Westberlin passieren können. Am späten Abend haben Oma und ich uns ins Auto gesetzt und wollten über den Grenzpunkt Bornholmer Straße zum Bruder der Oma nach Frohnau fahren. Der Andrang in der Bornholmer Straße war jedoch so groß, dass wir beschlossen, umzukehren und nach Hause zu fahren. Dort haben wir uns noch einige Berichte im Fernsehen angesehen und sind dann Schlafen gegangen. Wir konnten jedoch vor Aufregung kaum schlafen. Insbesondere war ich besorgt, dass am nächsten Morgen die Mitarbeiter des Hotels nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen würden, da das Hotel mit über 500 Gästen, die sicherlich trotz der Ereignisse zum Frühstück kommen würden, gefüllt war.

Sind denn die Mitarbeiter alle erschienen?

Falk Rohner im Interhotel Berolina bei seinem 45. Geburtstag. In Interhotels brachte die DDR Gäste aus "nicht sozialistischen Wirtschaftsgebieten" unter. Foto: privat
Falk Rohner im Interhotel Berolina bei seinem 45. Geburtstag. In Interhotels brachte die DDR Gäste aus "nicht sozialistischen...Foto: privat

Ja, die Mitarbeiter sind alle pünktlich zur Arbeit gekommen. Obwohl alle über den Mauerfall sprachen, wurden die anfallenden Arbeiten alle erledigt.

Wann bis du denn zum ersten Mal über die Grenze gegangen?

Natürlich am nächsten Tag, wir konnten es kaum erwarten,, uns mit unseren Verwandten aus Westberlin zu treffen! Wir haben uns am Ku'damm verabredet und ein paar Stunden dieses unerwartete freudige Ereignis gefeiert.

Wie alt warst du denn beim Mauerfall?

Ich war damals 45 Jahre alt.

Das "Berolina" an der Karl-Marx-Allee von außen. Es wurde 1993 vollständig renoviert, aber 1996 abgerissen. Foto: akg/Morgenstern
Das "Berolina" an der Karl-Marx-Allee von außen. Es wurde 1993 vollständig renoviert, aber 1996 abgerissen.Foto: akg/Morgenstern

Hat sich dein Berufsleben durch den Mauerfall verändert?

Meine Arbeit als kaufmännischer Direktor habe ich behalten. Es war jedoch unklar, wie es mit den Interhotels weitergehen würde. Es war eine unruhige Zeit bis letztendlich die Hotels privatisiert wurden.

Was hat sich denn dadurch verändert?

Die Arbeitsorganisation änderte sich, es entfielen viele Arbeiten, z.B., im technischen Bereich und in der Küche. Dadurch wurden nach und nach in den folgenden Monaten viele Mitarbeiter entlassen. Da ich die Mitarbeiter über viele Jahre gekannt hatte, ist mir das oft schwer gefallen. Ich musste natürlich viele neue Dinge lernen, aber das ist mir nicht schwer gefallen. Ich selbst hatte Glück und habe meine Arbeit bis zum Renteneintritt behalten.

Hat sich in deinem Privatleben durch den Mauerfall etwas verändert?

Auf der einen Seite gab es auf einmal ein verlockendes Warenangebot und die Möglichkeit zu reisen, wohin man wollte. Auf der anderen Seite machte man sich Sorgen um die berufliche Zukunft der gesamten Familie. Letztendlich konnten wir uns den schon zu DDR-Zeiten gehegten Wunsch nach einem eigenen Haus erfüllen, wenn auch unter großer Anstrengung.

Vielen Dank für das Interview.

20 Wende-Geschichten bietet unsere Serie mit Aufsätzen von Berliner Schülerinnen und Schülern. Jeden Tag lassen wir Kinder berichten, was ihre Familien am 9. November 1989 erlebt haben. Die vollständigen Aufsätze finden Sie unter www.tagesspiegel.de/Aufsatz-Wettbewerb.

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