Lydia Pietruschinski, Klasse 6.1, Gustav-Heinemann-Schule : Mama, Papa, Oma, Opa, wo wart ihr beim Berliner Mauerfall?

Lydias Familie hat den Mauerfall miterlebt. Die Schülerin hat uns die Geschichten und Reaktionen ihrer Eltern und Großeltern erzählt.

Lydia erzählt, wie ihre Eltern und Großeltern den Mauerfall erlebten.
Lydia erzählt, wie ihre Eltern und Großeltern den Mauerfall erlebten.Foto: Thilo Rückeis

Die ersten Anzeichen für den Fall der Berliner Mauer erlebten meine Eltern und mein jetziger großer Bruder im Herbst 1989. Sie waren im Herbsturlaub in Österreich. Jeden Abend saßen sie mit den Wirtsleuten zusammen und verfolgten im österreichischen Fernsehen die Unruhen und die politischen Bewegungen der DDR.

Zuhause in Berlin angekommen, wurde weiterhin alles gespannt verfolgt, bis zu dem Tag am 9. November. Mein Vater berichtete mir, wie er damals ganz aufgeregt von der Spätschicht nach Hause gekommen war.

"Stell dir vor, Schabowski hat sich verquatscht 'die Mauer soll fallen!', so soll er meine Mutter begrüßt haben. Meine Mutter allerdings wollte dies gar nicht glauben, und wollte lieber ins Bett, denn mein Bruder war damals 3 Jahre alt und der Tag war sehr anstrengend gewesen. Nachdem mein Vater aber die ganze Nacht über Radio und Fernsehen geschaut hatte, hielt er es nicht mehr aus. Um 5.00 Uhr in der Früh weckte er meine Familie und wir sind dann zum Ku'damm gefahren.

Foto: Privat

Komisch finde ich es, dass meine Eltern damals immer erst zum Ku'damm gefahren sind, wenn etwas los war. Danach ging es im Auto nach Kreuzberg zur Oberbaumbrücke. Unterwegs standen sie viel im Stau von wilden Hupen umringt, und sie sahen die ersten Trabis. Sie konnten es kaum fassen, denn schließlich sind meine Eltern an der Mauer groß geworden und das Leben mit der Mauer hatte sie geprägt.

Als sie wieder nach Hause fuhren, stand das Telefon nicht mehr still. Die ganze Familie wurde informiert, aber alle hatten es irgendwie nicht so ganz als wahr empfunden.

Damals waren meine Eltern noch beim Malteser Hilfsdienst ehrenamtlich beschäftigt. So rief bei uns der Katastrophenschutz an, damit meine Eltern sich bereithalten konnten.

Foto: Privat

Am 14. November war es dann auch bei uns am Ostpreußendamm, wo meine Familie damals wohnte, soweit. Nun wurde auch hier die Mauer eingerissen. Mit einem Krankenwagen standen meine Eltern beim Übergang zu Teltow und konnten live den Abriß der Berliner Mauer erleben. Die Menschenmassen aus Teltow kamen rüber in den Westen, und mein Vater musste auch teils Erste Hilfe leisten. Viele Fotos haben meine Eltern gemacht und waren auch als "Mauerspechte" unterwegs. Mein Bruder durfte sogar mit einem Hammer die Berliner Mauer zu Fall bringen. Sogar am Brandenburger Tor war er tätig und klopfte ein großes Loch hinein. Die Beweismittel haben wir als Erinnerung zuhause.

Als ich jetzt meine Oma interviewte, war es bei ihr so, als ob es gestern gewesen wäre. Am 13. August 1961 hat meine Oma erlebt, wie Männer große Platten getragen haben. Meine Oma war sehr besorgt, warum die Regierung Ost- und West-Berlin teilen wollte. Es stand fest, eine Mauer wird gebaut. Da sie ganz in der Nähe der Mauer wohnte, hat sie auch viel mitbekommen, so auch wie Menschen auf ihren Fluchtversuchen erschossen wurden und sogar wie ein Kind vor den Augen der Mutter ertrunken ist, weil die Spree an der Oberbaumbrücke zum Ostsektor gehörte. Davon zeugen heute noch die Kreuze. Auf der Spree wurde der Schiffsverkehr besonders beobachtet, ob die Schiffe und Boote nicht zu dicht am Westufer fahren.

Foto: Privat

Nach 28 Jahren ist nun die Mauer gefallen. Als Erstes hörte sie es telefonisch von ihrer Tochter, die schon die ganze Zeit unterwegs war und es selber gar nicht fassen konnte. Meine Großeltern liefen aber nicht gleich los und wollten es selber live erleben, nein sie saßen auf dem Sofa mit Tränen in den Augen und feierten das Ereignis ganz alleine für sich. Sie hatten Angst vor den Menschenmassen, die aus dem Osten kamen. Erst ein paar Tage später machten sie einen Spaziergang zur Mauer und gingen auch über die Oberbaumbrücke, um zu sehen, wie es im Osten aussah.

Schade nur, dass ich dieses Ereignis nicht erleben durfte.

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