Kurztrip : Grummeln im Urwald

Der ursprünglichste Forst der Schorfheide heißt Grumsin. Eine Führung hilft, seinen Eiszeit-Charme zu entdecken.

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Foto: Klaras Verlag/Promo

Wer den „Urwaldpfad“ wählt, erlebt mit ein bisschen Glück schon nach wenigen Schritten ein eigentümliches Konzert. Der Pfad beginnt im Dorf Altkünkendorf am Rande des Grumsin, des größten zusammenhängenden Tieflandbuchenforstes der Welt, und führt über ein paar Feldwege schnurstracks in den Wald hinein. Doch bevor man die ersten silbrigen Buchenstämme erreicht, breitet sich rechts eine geschützte Sumpf- und Schilffläche aus, die „Große Wiese“. Akustisch ist dort vor allem im Frühjahr jede Menge los. Die Rohrdommel balzt dumpf, Moorfrösche quaken und blubbern im Schlamm, Kraniche trompeten in der Luft. „Das ist die Ouvertüre für unsere Abenteuertour durch den Grumsin“, sagt Wolfgang Schmoldt aus Altkünkendorf, Ex-Diplomlandwirt und von klein auf mit dem Grumsin vertraut.

Der 84-Jährige führt Besucher durch Brandenburgs ursprünglichsten und besonders streng geschützten Forst bei Angermünde im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, nördöstlich von Berlin. Einst war Grumsin ein kurfürstliches Jagdgebiet, später trieben die Bauern ihre Schweine zur Mast unter die Buchen, zu DDR-Zeiten jagte dort die SED-Prominenz. Deshalb wurde der Wald schon damals forstwirtschaftlich kaum genutzt. Seit zwei Jahrzehnten ist er ganz sich selbst überlassen. Werden und Vergehen bestimmen das Bild, der Wald gewinnt seine natürliche Dynamik zurück.

Zusätzlich hat die Unesco 2011 den Grumsiner Forst in die Liste der Weltkultur- und Naturerbe aufgenommen. Seither gehört er zur ersten Liga, steht auf einer Stufe mit Naturwundern wie den Everglades oder dem Grand Canyon. Denn Rotbuchen, Weißbuchen und Hainbuchen prägen hier nachhaltig seit der letzten Eiszeit ein einmalig großes Gebiet von rund 60 Quadratkilometern.

Es gibt mehrere, unterschiedlich markierte Routen im Grumsin, auf denen man auch alleine loswandern kann und die Natur wie vor Jahrtausenden erlebt. Aber zusammen mit einem Kenner wie Wolfgang Schmoldt ist alles anders: Man nimmt an Baumstämmen den weißgrauen Zunderschwamm wahr, den die Menschen früher zum Anfeuern verwendeten. Er zeigt einem Eisvogelhöhlen in den Wurzeltellern umgestürzter Baumriesen, erkennt das Trommeln der Schwarzspechte, entdeckt zwischen zwei Wildschweinsuhlen einen toten, astlosen Stamm und darauf den seltenen Eremiten, der aussieht wie ein schwarzer Riesenmistkäfer. „Seine Larven“, erklärt Schmoldt, „fressen das zersetzte Holz.“ Darin wimmelt es von skurrilen Tierchen: Faulholzmotten, Rindenwanzen, Pilzmücken. „Je mehr tote Bäume, umso lebendiger der Wald“, sagt Schmoldt. Sogar fünf noch gänzlich unbekannte Mückenarten haben Biologen kürzlich im Grumsin entdeckt.

Am liebsten nimmt Wolfgang Schmoldt den „Urwaldpfad“, eine 10,5 Kilometer lange Route. Festes Schuhwerk, wetterfeste Jacke, Fernglas, Lupe und Wasserflasche gehören zur Grundausrüstung für seinen Märchenwald. Der Weg führt über Hügel, durch Senken, auf Graten entlang. Gletscher haben hier einst die Erde gefaltet. Die Sohlen sinken in dicke Moospolster ein. Sonnenlicht flimmert zwischen den kerzengeraden Stämmen. Die Baumkronen vereinen sich zum grünen Hallendach des Buchenwaldes. „Die Buche ist eine Domina“, sagt Schmoldt. „Sie verdrängt alle anderen Baumarten. Buchenwälder sind meist geschlossene Gesellschaften.“

Moore liegen am Wegesrand, sumpfige Bruchwälder und überschaubare Seen, von Binsen und Schilf umsäumt. Ein Seeadler kreist hoch über dem Wasser, zwanzig Libellenarten haben Naturschützer an den Ufern gezählt, Wollgras, Schwertlilien und Sonnentau wachsen im feuchten Erdreich. Daneben der weißblühende Sumpfporst, dessen ätherisches Öl früher dem Bier als Rauschverstärker zugesetzt wurde. Wolfgang Schmoldt weist auf einen umgeknickten Stamm. Wie mit der scharfen Axt geschlagen sehen die Nagestellen der Biber aus. Ein paar Meter weiter haben die Tiere ihre Burg am Wasser gebaut, haben kahle Äste übereinander geschobenen. „Die schlafen momentan in ihrem Kessel“, sagt Schmoldt. Biber sind nachtaktiv.

Wolken ziehen vor die Sonne. Kühle steigt auf, die Schatten der Baumstämme sehen jetzt wie schmale Scherenschnitte aus. Schmoldt schwärmt von der „einzigartigen Ästhetik“ des Buchenwaldes. „Zu jeder Jahreszeit schön“. Wenn ein Gewitter über den Wald zieht, wirken die vielen, bis zu 300 Jahre alten Buchen wie ein riesiger Resonanzkörper. Dann erleben die Leute von Altkünkendorf ein heftiges Donnerwetter. Genau deshalb heißt dieser Wald Grumsin. Es bedeutet so viel wie „Grummeln“.

Letschin/OT Kienitz, Deichweg 9, Tel. (033478) 389 76 oder (0173) 172 62 05, www.uferloos.de

Waldführer Wolfgnag Schimoldt.
Waldführer Wolfgnag Schimoldt.Foto: Christoph Stollowsky/Promo

In der Umgebung

Freizeit

Schorfheidelauf. Rund um den Wolletzsee führt der Langstreckenlauf über wahlweise 6, 10, 21 oder 42 Kilometer. Er gilt als schönster Landschaftslauf Deutschlands. schorfheide-lauf.de

Wolletzsee. Rund um den glasklaren See zwischen Altkünkendorf und Wolletz führt ein 17 Kilometer langer, idyllischer Spazierweg mit schönen Badeplätzen.

Werbellinsee. An den Ufern des ungewöhnlich schmalen, 13 Kilometer langen und bis zu 50 Meter tiefen Sees gibt es etliche schöne Badewiesen, zum Beispiel in Joachimsthal und Altenhof.

„Biorama“. Im gründerzeitlichen Park des Natur- und Tourismusprojektes „Biorama“ kann man einem alten Wasserturm aufs Dach klettern und weit über die Schorfheide blicken. Joachimsthal, Am Wasserturm 1,  1. April bis 31. Oktober, Do-So 11-18 Uhr. www.biorama-projekt.org

Naturerlebniszentrum Blumberger Mühle. Ein Projekt des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Schauteiche, Moore, Streuobstwiesen, Kräutergärten, Vogelbeobachtungstürme und eine Spielelandschaft mit viel Wasser und Irrgarten. Multimediale Ausstellung im Nabu-Gebäude. Danach: Einkehren im Öko-Restaurant „Zum grünen Wunder“. Angermünde, Blumbergermühle 2, www.blumberger-muehle.nabu.de

Kultur

Angermünde. In den Gassen des romantischen Städtchens gibt es sehenswerte Baudenkmäler wie das Franziskanerkloster oder die Kirche St. Marien. Auf dem Markplatz plätschert seit 1999 ein Brunnen des uckermärkischen Künstlers Christian Uhlig. Seine Figuren spielen auf das Leben in einer Kleinstadt an. Im Park am Mündesee steht eine Galerie mit Findlingsskulpturen. Titel: „Steinzeit der Moderne“. Alljährlich treffen sich dort Granitbildhauer und erarbeiten neue Kunstwerke. www.angermuende-tourismus.de

Essen & Trinken

Gasthof „Zum Schwanenteich“. Landgasthaus mit Biergarten, Groß-Ziethen, Zur Mühle 33,  www.zum-schwanenteich.de

Jagdschloss Hubertusstock. Hotel und Restaurant mit schöner Sommerterrasse. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. ließ das Schloss 1849 im bayerischen Landhausstil am Westufer des Werbellinsees errichten. Joachimsthal, Hubertusstock, Tel. (033363) 500,  www.hubertusstock.de, Waldführer Wolfgang Schmoldt

Viele weitere Tipps für Ausflüge nach Brandenburg finden Sie in unserem Magazin „Tagesspiegel Brandenburg“.

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