20 Jahre Berlin-Bonn-Gesetz (XII) : Das Labor der Republik

Folge XII unserer Debatte zum 20. Geburtstag des Berlin-Bonn-Gesetzes. Diesmal: Adrienne Goehler über die Potenziale von Wissenschaft und Kunst für das Image Berlins.

Adrienne Goehler
Ehemalige Kultursenatorin in Berlin: Arienne Goeler (Bündnis 90/Grüne).
Ehemalige Kultursenatorin in Berlin: Arienne Goeler (Bündnis 90/Grüne).Foto: imago

In Berlin, der Hauptstadt, der armen, der schönen, die so tief in der Schuldenfalle sitzt und lediglich reich ist an kreativen Potenzialen, bricht sich die gesellschaftliche Wirklichkeit der Bundesrepublik radikaler als irgendwo sonst. Nirgends ist der Zerfall der bisherigen sozialen Sicherungs- und Finanzsysteme auf allen Ebenen deutlicher sichtbar als hier, und nirgendwo sonst wirkt sich die Abwesenheit von traditioneller Industrie spürbarer aus. Hier ist nicht nur das postfossile, hier ist auch das postfordistische Leben zu besichtigen, die "flüssige Moderne" (Zygmunt Bauman), die keine angestammten Plätze mehr vergibt. Berlin hat darin einen unfreiwilligen Erfahrungsvorsprung, ist die Hauptstadt der prekären Verhältnisse und der Projekte.

Denn gleichzeitig gibt es an keinem anderen Ort in der Bundesrepublik mehr neugierige Menschen aus aller Welt, junge wie alte, die wegen der – oft nur diffus empfundenen – Besonderheit in diese Stadt drängen, offenkundig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Perspektiven, nach gesellschaftsrelevanter Ausweitung des eigenen Handelns.

Zu den Gestaltern dieser Stadt zählen all jene, zu deren Lebens- wie Berufserfahrung das Wandern zwischen den Gewissheiten gehört. Hinzu kommen diejenigen, die die Erfahrung machen, dass der Sozialstaat in seiner Überdeterminiertheit und Unterversorgungsrealität die Fähigkeiten der Einzelnen nicht sieht und sie nicht abfragt. Sie thematisieren die verfehlte Wohnungspolitik, die Gefährdung der Freiräume, zeigen Alternativen auf.

Erkundungsfeld für den Umbau der Gesellschaft

Mit klassischen Wirtschafts- und Sozialkonzepten lässt sich Berlins ökonomische Anorexie nicht überwinden. Deshalb bietet sich die Hauptstadt zum (nationalen) Erkundungsfeld für den Umbau der Gesellschaft an, die hier einen Blick in ihre eigene Zukunft werfen kann. Sie sollte nicht Objekt für Erziehung und Maßregelung durch die Länder sein, sondern Erprobungsort und Labor für die gesamte Republik; ein Laboratorium, das Anleihen an anderen Formen und Strukturen des Wissens wie Handelns nimmt, das den Mut zum Experiment als seine vornehmste Pflicht erkennt.

Berlin befindet sich in Schieflage. Während der latente Hass auf die Metropole, der unübersehbar aus Landeshauptstädten herüberweht und sich in zahlreichen Nickeligkeiten und Restriktionen von Länderpolitikern gegen den Regierungssitz äußert, korrigieren Deutschland-Skeptiker auf dem Umweg über Berlin ihr Bild von der ganzen Republik, und nicht nur der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer oder die Philosophin Susan Neiman ziehen eine Parallele zwischen New York und Berlin als Einstiegsmöglichkeit in die jeweiligen Länder – eben gerade, weil sie so untypisch für sie sind, so unfertig. Auch so verwundet. Genau das ist es, was Berlin im Ausland als Ort der Möglichkeit, als Projektionsraum so anziehend macht.

Hier wie dort sammeln sich die Cultural Creatives, die sich durch keinen definierten Status charakterisieren lassen, sondern durch eine Art selbstbestimmter Wirksamkeit, die sich in selbstbestimmter Arbeit entfaltet und in Eigensinn zeigt, offen für Verschiedenartigkeit.

Auf das Große verpflichtet

Die Hauptstadt muss sich als geistig-kreativer, diskursiver Gegenpol zum Bundesregierungs- und Bundesbeamtensitz etablieren. Letzteres macht sie schwerfällig und auf das Große verpflichtet. Die vielfach beschriebene Besonderheit Berlins, kein Bürgertum zu haben, das über die Definitionshoheit verfügt und ihr seinen Stempel aufdrückt – so wie etwa Hamburg durch das hanseatische Bürgertum oder München durch die High Society geprägt ist –, ist die Schwäche und Stärke Berlins zugleich. Schwäche, weil die zum Provinzmaß tendierende Stadtpolitik kein intellektuelles Korrektiv findet. Und Stärke, weil dieses Vakuum vielfältige Möglichkeiten eröffnet, zum Beispiel für die Etablierung einer kreativen Klasse, die eben nicht auf eine Schicht zu reduzieren ist. Die künstlerischen und wissenschaftlichen Ressourcen dafür sind im Überfluss vorhanden: Stoff, aus dem eine Hauptstadt idealiter gemacht ist.

Kunst und Wissenschaft stecken in Berlin mitten drin in den sozialen und politischen Diskussionen und sind immer stärker produktiver Teil eines Diskurses, der sich um Arbeit und Beschäftigung, Lernen und Begreifen, soziale und kulturelle Konflikte dreht. Berlin hat die Chance, die bemerkenswerte Dichte an künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Einrichtungen und ein bemerkenswert hohes, frei flottierendes kulturelles Kapital für die Aufgabe zu nutzen, einen permanenten Dialog zwischen ebenbürtigen Partnern zu etablieren: Wenn die Politik erkennt, dass sie für die Weiterentwicklung des Landes die kreativen Ideen von Kunst und Wissenschaft braucht, nicht zuletzt um ihre eigenen Aufgaben immer wieder neu bestimmen zu können. Dann könnte man von Verflüssigung sprechen.

Das Passagere spricht

Viele Wissenschaftler schwärmen von der „Experimentalisierung des Lebens“ (Lorraine Daston) und loben die „intellektuelle Reizatmosphäre“ in Berlin (Jürgen Kocka). Offener, wirklichkeitsnäher, internationaler, interdisziplinärer, gewagter, aktueller, auch modischer. Seit Ende der achtziger Jahre zogen aus allen Ecken der Welt Künstler und Wissenschaftler in die Hauptstadt, die den Horizont über Berlin vergrößert haben. Sie tragen dazu bei, dass Berlin sich als Hauptstadt wesentlich über seine Kultur definiert und seine Dispute wesentlich im Künstlerischen und Wissenschaftlichen austrägt.

Diese Art von Tätigsein, die kulturelle, überhaupt kreative Produktion bedeutet, die oft im wörtlichen Sinne heute nicht weiß, was morgen ist, diese Art zu existieren, evoziert andere Bedürfnisse an Stadt, an Entwicklung des sie umgebenden Raums. Ihr entspricht das Passagere, das Nomadische, das Transitorische, das Provisorium, das Berlin im Überfluss zu bieten hat. Das Unfertige wird nicht nur als Belastung oder Verunsicherung erlebt, sondern als Inspirationsraum. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass der Innovationsindex 2012 Berlin innerhalb Europas auf Platz vier sieht.

Ein Kompositum, das die Hauptstadt geradezu herausfordert, Laboratorium zu sein. Diesen Suchbewegungen, dem Nicht-Abgegoltenen im Abgegoltenen korrespondiert jedoch keine politische Sensibilität, keine Bereitschaft, sich mit diesen Impulsen zu verbinden.

Die Hauptstadt wurde in den letzten dreizehn Jahren aus dem Roten Rathaus mit einem Programm aus zwei Werbeslogans regiert. Jetzt muss ein neues Kapitel aufgeschlagen werden mit dem Bewusstsein, dass das politische Berlin dringlicher als einen Hauptstadtvertrag eine Idee von sich als einem diskursiven Ort braucht. Dafür müssen die künftig Regierenden lediglich die Fäden aufnehmen, die die Künste und Wissenschaften zuhauf auslegen.

In unserer Serie zum 20. Geburtstag des zu ergänzenden Bonn-Berlin-Gesetzes erschienen bisher Beiträge von Rupert Scholz, Wolfgang Schäuble, Norbert Blüm, Peter Raue, Michael Naumann, George Turner, Edzard Reuter, Ingo Kramer, Joachim Braun, Egon Bahr und Alexander Otto.

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