• Wahlkreise in Berlin: Schwarze Insel, rotes Meer in Marzahn-Hellersdorf

Wahlkreise in Berlin : Schwarze Insel, rotes Meer in Marzahn-Hellersdorf

Das Herz schlägt links: Die Platte ist immer noch Petra-Pau-Land. Aber auch CDU-Frau Monika Grütters punktet in Teilen von Marzahn-Hellersdorf: nämlich im bürgerlichen Biesdorf.

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Stadt, Land, Feld. Marzahn-Hellersdorf hat eine ländlich-stille Seite – auch abseits des alten Dorfes mit der Bockwindmühle. Wie ein sozialer Brennpunkt wirken die beiden Ortsteile – Marzahn mit seinen gepflegten, von Grün umgebenen Plattenbauten und Hellersdorf mit seinem Neubauboom – nicht. Die Arbeitslosenquote liegt im Berliner Durchschnitt. Doch es gibt Quartiere, wo 70 Prozent der Kinder in „Bedarfsgemeinschaften“ leben, die Hartz IV beziehen.
Stadt, Land, Feld. Marzahn-Hellersdorf hat eine ländlich-stille Seite – auch abseits des alten Dorfes mit der Bockwindmühle. Wie...Foto: picture alliance / ZB/euroluftbi

Karl Marx sähe sich bestätigt, würde er den Wahlkampf in Marzahn-Hellersdorf beobachten. „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ So hat der Denker theoretisiert. In der Praxis läuft es entsprechend: Petra Pau, seit 1998 im Bundestag, ist die Abgeordnete der Herzen in den Hochhaus- und Großsiedlungsgebieten von Marzahn und Hellersdorf – sie mögen dort offenbar so ziemlich alle. Monika Grütters, CDU-Politikerin und stellvertretende Landesvorsitzende in Berlin, wirkt, wenn es nach den ihr zufliegenden Sympathien auf der Straße geht, wie die Repräsentantin der neuen Mittelklasse im Eigenheim, das in Biesdorf steht oder in einem der anderen Siedlungsgebiete in den Dörfern, die zu Hellersdorf gehören. Sie führt die CDU-Landesliste an. Laut election.de kann sie sich schon vorsichtig darauf freuen, dass sie über die Landesliste wieder in den Bundestag kommt.

Im Wahlkreis 85, der den Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit seinen 250 000 Einwohnern umfasst, ist Damenwahl. Pau schaffte regelmäßig Direktwahlerfolge mit fast fünfzig Prozent. An der Marzahner Promenade steht die kleine Frau zwischen einer Apotheke und einem „Sunpoint“-Sonnenstudio keine Minute allein, dann kommt wieder eine oder einer, um ihr die Hand zu schütteln und „viel Erfolg“ zu wünschen. Die Gegend mit den siebzehngeschossigen Hochhäusern ist politisch Petra-Pau-Land. Alle kennen sie, Pau personifiziert die Einwohnerschaft des Bezirks – jedenfalls den Teil, dessen Herz links schlägt. Sie wohnt hier, selbstverständlich in einer Platte mit Balkon; sie pflegt auf dezente Weise die Ost-Identität der Marzahner und Hellersdorfer, etwa indem sie feststellt, sie sei in die Politik gegangen, um „nicht in die deutsche Einheit hineinverwaltet“ zu werden. In der Politik hat sie es weit gebracht – Pau ist Bundestagsvizepräsidentin – und ist sich doch treu geblieben als Innenpolitikerin mit wachem Blick für Rechtsextremismus und Rassismus. Während hinten auf einer Bank zwei mittelalte Trunkenbolde lachend Sternburg-Flaschen leeren, drückt Pau Hände und hört geduldig zu, wie eine ältere Frau auf die Renten-Ungerechtigkeit schimpft. Dass Rentner in den ostdeutschen Bundesländern noch immer weniger als die West-Rentner bekommen, „ärgert mich ganz doll“, sagt die Frau.

Pau nickt und kann sich bestätigt fühlen. Das Großthema der Linken ist mehr denn je: „Gerechtigkeit“. Womit gemeint ist: Im Osten bekommen die Leute geringere Gehälter und geringere Renten; in einer Gegend wie dieser bekommen auch viele Hartz IV, oder sie sind „Aufstocker“, was bedeutet: Sie arbeiten, verdienen aber nicht genug, um davon leben zu können. Händeschütteln, Schulterklopfen, „viel Erfolg“, „alles Gute“, die Bitte um ein Autogramm „für Walter ohne h“, und eine Frau flüstert: „Haben Sie auch einen Kugelschreiber da?“ Hat sie, natürlich einen knallroten. Nur die Geschenkkondome, mit denen sich die Linke in jedem Wahlkampf eine gewisse Sexiness zu geben versucht, bleiben an diesem Nachmittag unbeachtet.

Ob das mit dem rapide steigenden Durchschnittsalter der Linken-Stammwählerschaft zu tun hat? Man könnte sich täuschen. Paus potenzielle Wähler kommen aus allen Altersgruppen, das zeigt sich bei einer Podiumsdiskussion mit Vertretern der größeren Parteien. Die „Volkssolidarität“ hat die Fragerunde organisiert. Jetzt werden die Stoffe bezirklicher, aber Pau hat damit keine Probleme. Ein junger Mann erzählt vom Jobcenter, wo am Morgen mal wieder „200 Leute“ Schlange gestanden hätten – ohne die Möglichkeit, eine Wartenummer zu ziehen. „Ich kenne Leute, die seit zwei Monaten auf ihre Grundsicherung warten“, sagt der junge Mann – für Pau die nächste Gelegenheit, um über Hartz zu reden („Armut per Gesetz“), über Renten und Löhne („Angleichung“), über Steuern (Pau will einen „Reichenbeitrag für das Allgemeinwohl“).

Hier kann sie gar nichts falsch machen, umso angenehmer wirkt Paus polemikfreier Stil. Man könnte die Ansicht vertreten, dass es den Leuten auch in Marzahn-Hellersdorf besser geht. Die Arbeitslosenquote des Bezirks liegt im Berliner Durchschnitt, die Siedlungen sind nicht schön, aber gepflegt. Aber da gebe es eben auch Quartiere, sagt Pau, in denen siebzig Prozent der Kinder in „Bedarfsgemeinschaften“ leben und Hartz IV beziehen. Da berichtet Anett Dubsky vom „Netzwerk für Alleinerziehende“, dass in 47 Prozent aller Haushalte im Bezirk Kinder von nur einem Elternteil groß gezogen werden, dass dies meistens die Mütter sind, dass ein Drittel dieser Mütter unter 25 ist, dass sie auf Krippen- und Kitaplätze angewiesen sind und auf flexible Arbeitgeber. Oft kommen diese jungen Frauen aus anderen Bezirken, weil es in den Großsiedlungen noch bezahlbare Mietwohnungen gibt. Marzahn-Hellersdorf wirkt mit seiner betonierten und begrünten Ordentlichkeit nicht wie ein sozialer Brennpunktbezirk – aber Sozialpolitik ist das große Thema, und Pau kann das gut.

Verbindlich, freundlich und auf ihre Weise staatstragend ist sie auch – und deshalb hat sie bei einen Brennpunktthema – dem neuen Asylbewerberheim an der Carola-Neher-Straße – gemeinsame Sache mit der Kollegin Grütters und den übrigen Direktkandidaten gemacht. Grütters, Pau und vier weitere Bewerber erklärten, als in Hellersdorf Neonazis in der Nähe des Heims die Anwohner aufzuhetzen versuchten: „Wir verwahren uns gegen die empörenden Versuche von Rechtsextremisten, ausländerfeindliche Stimmungen zu schüren und Wahlkampf auf dem Rücken der verstörten und traumatisierten Flüchtlinge zu machen.“

Grütters sagt, das sei ihre Initiative gewesen, und Pau, mit der sie sich gut verstehe, habe gleich ihr Einverständnis erklärt: Konsens der Demokratinnen, die sich ansonsten in diesem Großflächen- und Gegensatz-Bezirk bestens aus dem Weg gehen können. Bei der Debatte der „Volkssolidarität“ war Grütters (wie auch die SPD-Kandidatin Iris Spranger) gar nicht zugegen – sie hätte nichts zu gewinnen gehabt. Pau hingegen kann sich ausrechnen, dass sie dort nicht ankommt, wo junge Familien und nicht mehr ganz junge Paare ihre Hausträume verwirklicht haben. Biesdorf zum Beispiel entwickelt sich zur CDU-Insel im roten Meer.

Anders als im Schatten der Hochhäuser, wo Pau immerhin noch ihre wichtigsten Polit-Schlagwörter losgeworden ist, wollen die Leute in Biesdorf gar nichts von Grütters oder gar von ihr über Angela Merkel wissen. An einem Abend nimmt sich Grütters zusammen mit einer CDU-Bezirkspolitikerin ein paar Biesdorfer Straßen zwischen lauter neuen Häusern vor. „Haustürgespräch“ nennt sich das und besteht aus Klingeln, Lächeln und ein paar freundlichen Worten. Lauter junge Mütter mit einem Kind oder zweien im Krabbel- oder Laufrad- oder Fahrradfahr-Alter – und Karl Marx würde das graue Haupt schütteln wegen der Kraft, mit der das Sein offenbar das Bewusstsein prägt. Freundliche Gesichter, „ach, Sie sind das, ja, alles klar, viel Erfolg!“ – höchstens eine von zwanzig signalisiert Grütters abweichende politische Neigungen. Deren Arbeit in der Kulturpolitik, ihre gewisse Nähe zu Merkel oder gar Merkels Euro-Politik – alles kein Thema. Ein bisschen ernst werden die Leute bloß in ihrer Ungeduld über die Verkehrspolitik im Bezirk und das Fehlen einer Entlastungsstraße. Dann bietet Grütters mit den Worten „Gruß von der Chefin“ eine Broschüre mit Bildern von der „Kanzlerin für Deutschland“ an und die Leute lächeln wieder, füttern die Kinder und fühlen sich wohl an diesem Abend im Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Die beiden Kandidatinnen waren im Wahlkampf zu Gast im Tagesspiegel-Chat: Lesen Sie hier nach, wie Petra Pau die Fragen der Leserinnen und Leser beantwortete - und hier geht's zum Chat mit Monika Grütters.


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