Boxen : … und die SPD dankt Schönbohm

Anders als vor einem Jahr vertragen sich Schröder und Platzeck beim Landesparteitag bestens

Thorsten Metzner

Brandenburg/Havel - Es ist eine SPD-Versammlung. Aber es geht um die CDU – genauer gesagt um deren Landesvorsitzenden und Innenminister Jörg Schönbohm. „Für jemanden, der dieses Land mitregieren will, reicht es nicht, nur die Landschaft und die Geschichte zu lieben!“, ruft Matthias Platzeck in die Menge. Pause. „Man muss die Menschen mögen, achten und respektieren!“ Daran, das ist deutlich, mangelt es Schönbohm nach Platzecks Meinung, wenn der die Wurzeln des neunfachen Kindesmordes von Frankfurt (Oder) und überhaupt der ostdeutschen Gewaltkriminalität in der vermeintlichen „Proletarisierung“ unter dem SED-Regime ausmacht.

Schönbohms Entschuldigung hin, die Rücksicht auf den Koalitionspartner her – es ist Wahlkampf. Und die Sozialdemokraten stehen „mit dem Rücken an der Wand“, sagt Platzeck. Da hat der SPD-Landeschef und Ministerpräsident auf dem Parteitag in Brandenburg an der Havel keinen Grund und keine Neigung, den CDU- Vorsitzenden zu schonen. Aber selbst Genossen sind überrascht über Platzecks Härte. Niemand habe das Recht, fährt dieser fort, „Menschen, die in der DDR ehrlich gelebt haben, zu verdächtigen oder gar zu verunglimpfen.“ Schönbohms Diagnose, dass die DDR-Bürger sich nicht umeinander gekümmert, sondern weggeschaut hätten, sei „barer Unsinn“. Platzecks Botschaft dagegen: Respekt vor der Lebensleistung Ostdeutscher, Sensibilität gegenüber ihrer Gefühlswelt.

Während er so spricht, sitzt in der ersten Reihe im Saal des Brandenburger Theater- und Congresszentrums ein Mann, an den sich fast auf den Tag vor einem Jahr und am gleichen Ort genau dieselbe Mahnung Platzecks gerichtet hat: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Mehr Gespür für die Ost-Probleme verlangte Platzeck damals vom „lieben Gerd“. Heute ist fast alles anders: Schröder ist nicht von wütenden Anti-Hartz-IV-Demonstranten empfangen worden, sondern von lautstarken Ovationen. Und Platzeck schwört in einer emotionalen Rede die Genossen auf die Wiederwahl Schröders ein. „Weil er besser ist für Ostdeutschland – für ganz Deutschland!“ Weil er energisch zupacke, das nötige Durchsetzungsvermögen für die Reformen habe, auch Fehler eingestehe. Als er fertig ist, eilt Schröder nach vorn, umarmt ihn: „Ich danke Dir, lieber Matthias, für Deine Freundschaft“, ruft der Kanzler – und lässt eine wenig mitreißende Rede folgen, in der er nüchtern die rot-grünen Reformen verteidigt. Den größten Beifall erhält er für seine Warnung vor einer drohenden Wende in der Sicherheitspolitik unter Merkel: „An Stelle selbstbewusster Bündnisbereitschaft würde willfährige Gefolgschaft treten.“ Keine Attacke auf Schönbohm. Und kein Satz über Ostdeutschland, zu dessen Problemen, der Stimmung im Land: Das heikle Terrain, auf dem Brandenburgs Innenminister stolperte, betritt der Kanzler gar nicht erst. Die Delegierten lassen’s ihm durchgehen – auf diesem Parteitag der Geschlossenheit, bei dem die Landesliste mit Ex-Bildungsminister Steffen Reiche an der Spitze im Eiltempo aufgestellt wird. Wo bei den Genossen plötzlich Zuversicht zu spüren ist, dass die SPD es vielleicht doch noch reißen kann.

Eigentlich, sagt einer, „müssen wir uns bei Jörg Schönbohm bedanken“.

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