Boxen : 24 Millionen Euro für die Konkurrenz

Wirtschaftsministerium will in Baruth ein neues Spanplattenwerk fördern Doch das könnte ein anderes Unternehmen gefährden

-

Potsdam/Baruth - Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) steht in der Kritik: Die Pfleiderer AG, ein führender deutscher Holzverarbeitungskonzern mit einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro, wirft ihm eine „diffuse Ansiedlungspolitik“, leichtfertigen Umgang mit Fördermitteln und die Gefährdung von 150 Arbeitsplätzen vor. „Wir haben in Bayern, Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern investiert und engagieren uns in Polen. Aber so etwas wie in Brandenburg ist uns noch nirgendwo passiert“, konstatiert Konzernchef Hans Overdiek, der sich jetzt an Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) wenden will, um „volkswirtschaftlichen Unsinn“ zu verhindern.

Worum geht es? Die Pfleiderer AG betreibt in dem auf Holzverarbeitung ausgerichteten und als „Cluster“ von der Landesregierung geförderten südbrandenburgischen Baruth seit 2001 eine Spanplattenfabrik. Die 150-Millionen-Investition ist vom Land mit rund 40 Millionen Euro gefördert worden. Hauptabnehmer ist die Classen-Gruppe, die aus den Faserplatten des Pfleiderer-Werkes in einer benachbarten hochmodernen Fabrik Laminatfußböden herstellt. Doch jetzt will Classen in Baruth auf Selbstversorgung umsteigen und eine eigene Faserplattenfabrik errichten. „Wir haben einen so großen Bedarf, dass wir eine Grundeigenversorgung benötigen, sonst sind wir nicht wettbewerbsfähig“, sagt Hans Jürgen Hannig, Geschäftsführer von Classen. Man wolle nicht von einem Zulieferer abhängig sein.

Hingegen sieht die Pfleiderer AG durch die drohende Konkurrenz vor Ort für das eigene Werk „die wirtschaftliche Grundlage“ entzogen. Die Förderung einer weiteren Spanplattenfabrik mit rund 24 Millionen Euro am gleichen Ort mache „finanzpolitisch und volkswirtschaftlich keinen Sinn“, argumentiert Vorstandschef Hans Overdiek. Ihm will nicht einleuchten, dass das Land Brandenburg „einen derart ruinösen Wettbewerb“ mit zweistelligen Millionenbeträgen subventionieren will. Denn sollte es tatsächlich dazu kommen, so Overdiek, „werden wir wahrscheinlich gezwungen sein, das Werk in Baruth zu schließen und in Osteuropa wieder aufzubauen“. 40 Millionen Euro Fördermittel wären in den Sand gesetzt.

Für den Konzernchef steht die von Junghanns beabsichtigte Förderung außerdem im Widerspruch zur neuen Förderpolitik der Landesregierung, nach der in Wachstumsbranchen – die Holzindustrie zählt dazu – die Vernetzung bestehender Unternehmen gefördert werden soll. Baruth galt in der Landesregierung wegen des unmittelbaren Zusammenwirkens verschiedener Holzproduzenten bislang als Musterbeispiel eines solchen Clusters. Bei einem Besuch im Jahr 2004 lobte Ministerpräsident Platzeck das Baruther Modell in den höchsten Tönen.

Es gehe um eine freie unternehmerische Entscheidung, hält das Wirtschaftsministerium entgegen. Es versucht, den heiklen Konflikt herunterzukochen: Man gehe nicht von einer Schließung des bestehenden Werkes aus, antwortete das Ministerium auf Anfrage. Zugleich wird auf das noch laufende Bewilligungsverfahren für die neue Faserplattenfabrik verwiesen: Der Landesförderausschuss, in dem verschiedene Ministerien und die Industrie- und Handelskammer vertreten sind, werde erst „ein Votum abgeben“. Eine Bewilligung sei daher noch nicht erfolgt. Nach Tagesspiegel-Recherchen ist die Vorentscheidung jedoch gefallen. Der Landesförderausschuss, ohnehin nur ein beratendes Gremium, hat dem Vernehmen nach bereits vor einigen Wochen im Grundsatz grünes Licht für die Förderung der neuen Fabrik gegeben. Die nächste reguläre Sitzung des Gremiums ist für den 14. August anberaumt.

Sollte es zur Förderung eines zweiten Faserplattenwerks in Baruth kommen, droht Brandenburg womöglich Ärger mit Brüssel. Die Pfleiderer AG schließt Rückforderungen nicht aus, sollte man zum Abbau von Arbeitsplätzen oder gar zur Schließung des Werks gezwungen sein. Es bestünden „erhebliche Haftungsrisiken“. Für Vorstandschef Hans Overdiek steht fest: „Pfleiderer wird keine Risiken übernehmen.“ Und man werde alle Rechtsmittel ausschöpfen, um den Schaden für das Unternehmen zu begrenzen, kündigte er an.

Aber auch die Classen-Gruppe setzt das Wirtschaftsministerium unter Druck: „Wir fordern von der Regierung Stehvermögen. Wir wollen nur die Förderung wie andere auch“, erklärt Geschäftsführer Hannig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben