Boxen : 50 Jahre EKO-Stahlwerk: Die Erinnerungen kochen hoch

Claus-Dieter Steyer

"Chruschtschow im Streit mit Ulbricht, und das bei uns?". Der ältere Mann blätterte verzweifelt im dicken Buch über die 50-jährige Geschichte des EKO-Stahlwerkes in Eisenhüttenstadt. Ein Freund habe ihm den Tipp über die spannende Geschichte gegeben. Sofort holten auch seine früheren Kollegen den schweren Band aus ihren Stoffbeuteln heraus. Da interessierte plötzlich kein Büfett mehr, das nach dem offiziellen Festakt mit Bundeskanzler Schröder und Ministerpräsident Stolpe am Freitag in der großen Werkhalle für die heutigen und ehemaligen Beschäftigten eröffnet worden war. Zuerst musste die entscheidende Seite gefunden werden. "Tatsächlich, hier steht der Wortlaut des Treffens im Werkleiterzimmer am 19. Januar 1963", meldete sich eine Frau aus der Runde stolz. "Seite 139."

Chruschtschow hielt die DDR-Stahlproduktion damals schlichtweg für nicht konkurrenzfähig. Es sei unsinnig, Eisenerz aus der Sowjetunion an der Oder zu schmelzen. 46 Prozent des Erzes seien schließlich Steine. Von einer echten Zusammenarbeit der sozialistischen Länder könne keine Rede sein. "Jeder hat hier seinen eigenen Stiefel", klagte das sowjetische Oberhaupt.

Das große Erstaunen der alten Stahlwerker, die alle nach der Wende ihren Arbeitsplatz verloren hatten, kam nicht von ungefähr. Sie wussten gar nichts von diesem Treffen im Werk. Doch noch mehr löste der Inhalt des Gesprächs Verwunderung aus. Denn ihnen war immer wieder der große Nutzen und die hohe Qualität dieses Werkes propagiert worden. Es schien, als sei ausgerechnet am gestrigen Festtag eine weitere Illusion über die DDR gestorben. Zur Aufmunterung ging es erst einmal zum langen Tisch mit den Leckereien. Viele Eisenhüttenstädter erkannten sich gleich gestern in dem großen Buch wieder, sei es nun im Bild oder in den Geschichten der Zeitzeugen. Einige erzählten sogar vom berühmten Axthieb vor 50 Jahren, als die erste Kiefer für den Bau des später größten ostdeutschen Stahlwerkes und der "Stalinstadt" für die Beschäftigten fiel. Doch das waren eher die Ausnahmen. Die meisten Geschichten drehten sich um die letzten zehn Jahre. Schließlich war nach dem Ende der DDR auch das Aus für das am äußeren Rand der Republik gelegene Werk prognostiziert worden.

"Mut, Entschlossenheit und Opferbereitschaft der Belegschaft und der Menschen in der Region", nannte Stolpe als Gründe für das EKO-Wunder. Viele Frauen und Männer schämten sich gestern ihrer Tränen nicht, als sie noch einmal die Bilder von den Demonstrationen, den Mahnwachen und den Protestmärschen zur Treuhandanstalt in den Jahren 1991 bis 1994 sahen. Ihr Kampf um das Werk hatte sich schließlich gelohnt. Zwar blieben von den einst 12 000 Arbeitsplätzen nur noch 3000 im Stahlwerk selbst übrig, doch weitere 2500 entstanden in ausgegliederten Firmen.

Etwas unerwartet kam dennoch der spontane und starke Beifall bei der Erwähnung des Namens Helmut Kohl durch den Bundeskanzler Gerhard Schröder. Kohl habe sich gerade bei der Rettung dieses Werkes durch sein Engagement Verdienste erworben, sagte Schröder. Diese war 1994 schließlich durch den belgischen Konzern Cockerill Sambre gekommen, der später von der französischen Gruppe Usinor übernommen worden war. Mehr als die Hälfte der seitdem investierten 1,3 Milliarden Mark stammten aus öffentlichen Mitteln. So schloss sich wieder der Bogen zum Streit mit Chruschtschow. Auch damals wurde das Werk vor allem aus politischen Gründen trotz der Kritik der Sowjetunion am Leben erhalten.

Heute sucht das Werk seine Zukunft vor allem auf den Märkten in Ost- und Südosteuropa. Autoproduzenten - VW, General Motors und Suzuki - sind die wichtigsten Kunden. Aus der einst wenig vorteilhaften Randlage wird so ein entscheidendes Plus gegenüber den Konkurrenten.

Die Gruppe der älteren Frauen und Männer stand nach dem feierlichen Jubiläumsakt noch lange Zeit zusammen. Ihnen hatte die Rede des Bundeskanzlers gefallen, nicht nur wegen der klaren Worte zum Rechtsextremismus. "Der hat unser Lebenswerk gewürdigt und nicht wie so manche arrogante Leute aus dem Westen alles in den DDR-Jahren Erreichte für sinnlos erklärt", lobte eine Frau um die sechzig. Schröder hatte angesichts der Bilder vom Aufbau des Werkes in den fünfziger und sechziger Jahren von viel Respekt für die damaligen Leistungen gesprochen. Die Bedingungen damals seien im Vergleich zu heute viel schwerer gewesen.

Die ganze kommende Woche wird in Eisenhüttenstadt das Jubiläum vor Ort gefeiert. Heute öffnen sich von 10 bis 17 Uhr die Tore des Stahlwerkes für jedermann. Es können die Produktionsschienen vom Erz zum Stahl, ein Hochofen mit 1200 Grad Celsius heißem Stahl sowie das Stahl- und Kaltwalzwerk besichtigt werden. Die Unternehmensleitung versprach einige unvergessliche Erlebnisse. Stargast ist am Nachmittag Nena mit ihrem Hit "99 Luftballons".

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