Boxen : 50 Zeugen gegen Mutter der toten Babys

Sabine H. soll ihre Kinder direkt nach der Geburt getötet haben. Ab heute steht sie vor Gericht

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Es dürfte ein in der deutschen Kriminalgeschichte einmaliger Prozess sein, der am heutigen Donnerstag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) beginnt: Sabine H. soll zwischen 1988 und 1998 neun von ihr zur Welt gebrachte Babys unmittelbar nach der Geburt getötet haben. Im Sommer des vergangenen Jahres waren die sterblichen Überreste der Kinder in Blumenkübeln, einer mit Erde gefüllten Plastikwanne und einem Aquarium auf dem Grundstück der Eltern von H. in Brieskow-Finkenheerd südlich ihres Wohnortes Frankfurt (Oder) gefunden worden. Die heute 40-jährige Frau, die noch drei erwachsene Kinder und eine zweijährige Tochter hat, sitzt seit dem 1. August 2005 in Untersuchungshaft.

Vor dem Landgericht muss sich Sabine H. wegen achtfachen Totschlags verantworten. Die Tötung des im September 1988 in der Toilette ihrer Wohnung geborenen Babys ist nach Auffassung des Gerichts verjährt, weil auf diese Tat noch DDR-Recht anzuwenden wäre. Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft die gelernte Zahnarzthelferin wegen achtfachen Mordes anklagen. Doch die 2. Große Strafkammer ließ nur eine Anklage wegen Totschlages zu. Sie fand die von der Staatsanwaltschaft erkannten Mordmerkmale „zur Verdeckung einer Straftat“ nicht als belegbar. Die Frau soll sich vielmehr vor Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann und ihren Eltern gefürchtet haben. Allerdings schließt die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit nicht aus, dass sich im Laufe des Prozesses doch noch eine Anklage wegen Mordes ergibt. Davon hängt nicht zuletzt das mögliche Strafmaß ab. Bei einer Verurteilung wegen Totschlags drohen fünf bis 15 Jahre Haft, wegen Mordes dagegen eine lebenslange Freiheitsstrafe.

In der auf elf Prozesstage angesetzten Verhandlung werden viele Fragen geklärt werden müssen. So sind die Umstände der Tötungen weiterhin nicht bekannt. In den Vernehmungen hatte Sabine H. ausgesagt, sich nur an die ersten beiden der neun Geburten zu erinnern. Zu den anderen Fällen äußerte sie sich nicht. Sie sei jedesmal stark betrunken gewesen. Weitere Fragen drehen sich um die Reaktion des Ehemanns und der Familie der Frau. Niemand will etwas von den Schwangerschaften bemerkt haben. Fest steht nur, dass die neun Babys – zwei Jungen und sieben Mädchen – alle von dem inzwischen geschiedenen Ehemann Oliver H. stammen. Den gerichtsmedizinischen Untersuchungen zufolge starben alle Säuglinge unmittelbar nach der Geburt.

Ungewiss blieb bisher auch die Frage des Motivs für die Taten. Die Angeklagte wollte möglicherweise die Schwangerschaften vor ihrem Mann verbergen, da sich das Ehepaar nach dem dritten Kind keinen weiteren Nachwuchs wünschte.

Das Verbrechen hatte nach seinem Bekanntwerden landesweite Bestürzung ausgelöst. Kontrovers wurde damals auch über die Auffassung von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) diskutiert, der die von der „SED erzwungene Proletarisierung“ in Ostdeutschland als eine der „wesentlichen Ursachen für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft“ bezeichnet hatte. Später entschuldigte sich Schönbohm für diesen Satz.

Das Gericht verspricht sich Aufklärung durch die Anhörung von 50 geladenen Zeugen. Ob sich Sabine H. selbst zu den Vorwürfen äußern wird, war gestern nach Auskunft ihres Anwalts Matthias Schöneburg nicht klar. Das Urteil soll am 30. Mai gesprochen werden.

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