Boxen : Abgetaucht im Urlaubsidyll

Er machte gute Arbeit, sagt sein Chef vom Bootsverleih über Jürgen G. Jetzt wird er verdächtigt, im Auftrag der DDR-Führung gemordet zu haben

Claus-Dieter Steyer

Rheinsberg. Blauer Himmel, laues Lüftchen und Yachten in großer Zahl – die Stimmung im Hafendorf Kleinzerlang bei Rheinsberg hätte gestern nicht besser sein können. Doch Angestellte und Urlauber bewegte nur ein Thema: Ein mutmaßlicher Angehöriger eines Killerkommandos der DDR-Führung soll hier gearbeitet und dabei seine Identität verschleiert haben. Jürgen G., den Beamte des Bundeskriminalamtes in der „Marina Wolfsbruch“ am Rande von Kleinzerlang verhaftet hatten, macht Generalbundesanwalt Kay Nehm für eine Mordserie in den Siebziger- und Achtzigerjahren verantwortlich. Die Taten sollen sowohl in der DDR also auch in der Bundesrepublik auf Weisung von ganz oben verübt worden sein.

Die Dame an der Rezeption des Hotels hoch über dem künstlichen Hafenbecken verzieht bei der Bitte nach einem Gespräch mit der Geschäftsführung sofort das Gesicht. „Sind Sie etwa von der Presse und geht’s um den Verhafteten? Dann wenden Sie sich an Crown Blue Line, hinter der Treppe links“. Offensichtlich behandelt die Geschäftsführung die Angelegenheit „Jürgen G.“ wie eine heiße Kartoffel. Schlechte Nachrichten kann sich die große Anlage nicht mehr leisten. Zuerst zog sich die Steigenberger-Gruppe wegen offensichtlicher Qualitätsmängel aus Kleinzerlang zurück. Dann wurde im vergangenen Jahr Insolvenz angemeldet, um mehrere Baufirmen zur Behebung ihres Pfuschs, wie es damals hieß, zu zwingen. Nun soll mit der kürzlichen Übernahme durch die Best Western Premier Gruppe ein Neubeginn an der Südspitze der Müritz gelingen.

Die Frau in der Anmeldung der Bootsverleihfirma Crown Blue Line verweigert zunächst jede Angabe zu dem beschuldigten Mitarbeiter, ehe sich ein Chef aus dem Hintergrund meldet. „Herr G. war noch nicht lange bei uns. Er galt als äußerst zuverlässig und machte eine gute Arbeit. Aber wenn ich jetzt genau überlege, wussten wir eigentlich sehr wenig über ihn“, sagt der Mann. „Wenn er wirklich so ein erschütterndes Vorleben hatte, versteckte er es jedenfalls an seinem Arbeitsplatz sehr gut.“ Man sei natürlich „sehr erschüttert“ über die Vorwürfe, fügt er noch hinzu.

Die Arbeitskollegen des mutmaßlichen Killers sind offenbar zum Schweigen angehalten worden. Nur zaghaft gelingt ein Gespräch. „Er war schon über fünfzig und damit der Älteste im Team“, sagt ein Azubi am Hauptsteg. „Wir jungen Leute hatten mit ihm kaum Kontakt. Der machte seine Arbeit und erzählte nicht viel.“ Ein anderer Beschäftigter schüttelt den Kopf. „Das klingt schon etwas komisch, dass wir mit einem Typen aus einem Mörderkommando zusammengearbeitet haben. Da erscheint doch so manche Begebenheit in einem anderen Licht.“

Doch der Mann stoppt seine Erzählung plötzlich. Er habe schon zu viel gesagt. Später, im Vier-Augen-Gespräch, sagt er, dass Jürgen G. jede Unterhaltung über private Dinge und seine Berufslaufbahn abgeblockt habe. „Da war kein Herankommen.“

Der Beschuldigte muss ein sehr verschlossener Mann gewesen sein. „Ich weiß nichts über den. Der ist zur Arbeit gekommen, hat nichts gesagt und ist wieder verschwunden“, sagt der Hafenmeister. Andere Mitarbeiter wissen, dass Jürgen G. zuletzt im nahen Rheinsberg gewohnt hat – zusammen mit einer Freundin. Unter den Kollegen kursiere zudem das Gerücht, dass sich der Mann selbst einem Verbindungsmann der Staatsanwaltschaft offenbart habe, meinte ein Angestellter „Der hatte wahrscheinlich zu starke Gewissensbisse“, mutmaßt der Mann.

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