Boxen : Abriss ohne Strahlen

Erst 2012 wird das erste DDR-Kernkraftwerk verschwunden sein

Claus-Dieter Steyer

Rheinsberg. Ein Rundgang durch das abgeschaltete Kernkraftwerk Rheinsberg steckt noch immer voller Überraschungen. „Ab hier geht’s nur mit Spezial-Schuhen weiter“, sagt Geschäftsführer Dieter Rittscher. „Wir ziehen sie einfach über unsere Straßenschuhe und sind dank der dicken Plastikschicht am Boden auf der sicheren Seite.“ Sollte von dem Gelände noch immer Gefahr ausgehen? Immerhin wurden die Brennelemente vor mehr als zwei Jahren abtransportiert.

Der Geschäftsführer beruhigt. „Hier bedroht zwar keine erhöhte Radioaktivität mehr unser Leben. Aber gerade bei der Demontage eines Kernkraftwerkes kommt es auf peinliche Sauberkeit an.“ Man wolle nur sicher gehen, dass kein möglicherweise radioaktiv belasteter Betonstaub in andere Betriebsteile getragen wird.

Der Abstecher an den Rand des Betriebsgeländes am Stechlinsee war vom Chef der Energiewerke Nord, die die Demontage der beiden einzigen DDR-Kernkraftwerke in Rheinsberg und Greifswald leiten, nicht zufällig gewählt worden. „Jetzt können Sie erahnen, welche Kosten so ein Abbau verursacht“, sagt Rittscher. „Der Beton, auf dem wir gestanden haben, wird später genau auf Radioaktivität gemessen, ebenso die darunter liegende Erde – bis in eine Tiefe von sechs bis acht Metern.“ Die Ergebnisse entscheiden, ob die Materialien auf eine Deponie oder ins Zwischenlager für radioaktive Stoffe gelangen.

In der Schaltzentrale ist der Fortschritt der Arbeiten am augenfälligsten. Die meisten der vielleicht 150 Bildschirme sind bereits mit weißem Papier verhüllt. Nur die für den Abriss nötigen elektrischen Anlagen funktionieren noch. Erst 2012 soll nichts mehr an den ersten Atomreaktor in Ostdeutschland erinnern. „Wir wollen wieder eine grüne Wiese“, verspricht Brandenburgs Umweltminister Wolfgang Birthler. 400 Millionen Euro kostet das Vorhaben. Die Summe stammt aus dem Bundeshaushalt, Brandenburg muss nur den Abriss der unbelasteten Gebäude bezahlen.

Im Mai 1966 war ein sowjetischer Generator mit einer 70-Megawatt-Leistung in Betrieb genommen worden. Heute schaffen die meisten Generatoren 1000 Megawatt. Aber Rheinsberg sollte nicht nur den chronischen Energiemangel in der DDR mindern. Es diente auch als Prestigeobjekt im Wettlauf mit dem Westen, zumal die Hälfte der Anlagen aus der DDR stammte. Letztendlich gelang der Sieg über die Konkurrenz, die erst drei Monate später in Bayern den ersten Reaktor startete. Erst Im Juni 1990 endete die Energieproduktion. Nach einer planmäßigen Reparaturpause kam im Dezember ‘90 mit den neuen gesamtdeutschen Sicherheitsbestimmungen das endgültige Aus. Von ehemals 600 Beschäftigten blieben 200 übrig. Die wenigsten Ingenieure fanden sich mit der Arbeitslosigkeit ab. „Sie arbeiten heute selbst als Pensionäre noch in Tschernobyl oder in anderen Kernkraftwerken der früheren Sowjetunion“, erzählt Geschäftsführer Rittscher.

Inzwischen sind aber auch die DemontageErfahrungen gefragt. Unter der Regie von Rheinsberger und Greifswalder Spezialisten erfolgt in Kürze der Abriss eines Reaktors im nordrhein-westfälischen Jülich. Außerdem beginnt in den nächsten Wochen in Murmansk die Zerlegung von 120 Atom-U-Booten der russischen Flotte. 120 Millionen Euro lässt sich die Bundesrepublik das Abwracken dieser laut Rittscher „gefährlichen Zeitbomben“ kosten.

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