Boxen : Abschiebung: "Was haben wir denn getan, dass wir nicht hier bleiben dürfen?"

Sandra Dassler

Der Hauseingang Nummer Eins am Böhmischen Ring in Guben sieht wenig einladend aus. Im Treppenhaus bröckelt der Putz von den Wänden des Plattenbaus, der demnächst abgerissen wird. Nur noch drei Mieter wohnen hier, die anderen sind längst weggezogen. Auch die Bunjakus werden ihre Wohnung im ersten Stock wahrscheinlich bald verlassen. Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern aber nicht freiwillig.

Am vergangenen Donnerstag hat der 48-jährige Shefik Bunjaku die so genannte Grenzübertrittsbescheinigung erhalten, die ihn verpflichtet, mit seiner Frau, seiner Mutter und den drei Kindern die Bundesrepublik Deutschland bis spätestens 12. 9. 2001 zu verlassen. "Ich hatte nie Zweifel daran, dass man mich als politisch Verfolgten anerkennt", sagt er ratlos ...

Am Mittwoch hat die Gubener Stadtverordnetenversammlung in einem Offenen Brief den Landtag und die Landesregierung zur Schaffung einer Härtefall-Kommission zur Handhabung des Ausländerrechts im Land Brandenburg aufgefordert. Heute werden der Gubener Ausländerbeauftragte Konrad Großmann und der Bürgermeister Gottfried Hain dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse Tausende von Unterschriften übergeben - gesammelt von Klassenkameraden der Bunjaku-Kinder, von Lehrern, Fußballern, Kommunalpolitikern. Die Einwohner der Neißestadt wollen die Abschiebung der Familie, die sie als "Musterbeispiel der Integration" bezeichnen, nicht hinnehmen.

1992 war der Englischlehrer Shefik Bunjaku in seiner Heimatstadt verhaftet worden. Der Kosovo-Albaner hatte sich vor dem Zerfall Jugoslawiens nicht um Politik gekümmert. Aber als die serbische Regierung 1989 dem Kosovo die seit 1974 bestehende Autonomie wegnahm, als die albanische Sprache aus den Schulen und Medien verschwinden musste, trat Shefik Bunjaku in den Demokratischen Bund von Kosovo ein.

Diese Partei distanzierte sich von Gewalt, strebte unter der Losung "Mit dem Kugelschreiber nach Europa" eine Lösung der Probleme mit friedlichen Mitteln an. Genutzt hat das Shefik Bunjaku wenig. Er wurde wegen "Tätigkeit gegen die serbische Regierung" drei Monate inhaftiert und später zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bevor er die Haftstrafe antreten musste, floh Shefik nach Deutschland, beantragte hier politisches Asyl. Nun setzten die serbischen Machthaber im Kosovo seine Frau Shukrije unter Druck. "Wenn dein Mann nicht wiederkommt", drohten sie, "musst du an seiner Stelle ins Gefängnis." Shukrije glaubte, mit einem Umzug zu ihren Eltern nach Pristina den Häschern zu entkommen, doch die Polizei fand sie auch hier. Da folgte sie ihrem Mann nach Deutschland: mit Großmutter Xhemile und den drei Kindern Kaltrina (7), Bejtullah (5) und Besford (4).

Seit April 1994 wohnt die Familie in Guben, die Kinder gehen hier zur Schule, haben nur Einsen und Zweien auf ihren Zeugnissen. Bejtullah und Besford sind begeisterte Nachwuchsfußballer beim SV Chemie Guben, Kaltrina ist eine erfolgreiche Leichtathletin.

Dass die Familie seit mehr als sieben Jahren so gut in der Neißestadt integriert ist, liegt in erster Linie an Vater Shefik. Der hatte sich genau wie seine Frau schon vor Jahren beim Arbeitsamt um einen Job bemüht. Aber es gab immer einen Deutschen, EU-Bürger oder Aussiedler, der sich um die gleiche Stelle bewarb und laut Gesetz bevorzugt werden musste.

Der Gubener Bürgermeister Gottfried Hain (SPD) hält genau das für eine der Ungerechtigkeiten der jetzt angedrohten Abschiebung: "Die Bunjakus hätten in Bayern oder Nordrhein-Westfalen ganz sicher eine Arbeit bekommen. Jetzt werden sie dafür bestraft, dass sie in einer Region mit so hoher Arbeitslosigkeit leben."

So einfach zu Hause herumzusitzen - das hätte Shefik Bunjaku nicht ertragen. "Außerdem", sagt er, "wollte ich der Stadt Guben etwas dafür zurückgeben, dass sie uns eine zweite Heimat wurde." Also engagierte er sich im Ausländerinitiativkreis der Stadt, organisierte Spendenaktionen für Hilfsbedürftige im Kosovo, dolmetschte und half gemeinsam mit seiner Frau, als vor drei Jahren die Kriegsflüchtlinge aus seiner Heimat auch nach Brandenburg kamen. Außerdem trainiert er seit Jahren den Fußballnachwuchs beim Sportverein Chemie, spielt selbst bei den "Alten Herren" mit, kennt Hinz und Kunz.

Seit die Nachricht von der drohenden Abschiebung in der Stadt die Runde machte, steht bei den Bunjakus das Telefon nicht mehr still. "Was können wir tun, wie können wir euch helfen?", fragen viele Gubener, sammeln Unterschriften, appellieren an Politiker.

Erst kürzlich war es im Fall der vietnamesischen Familie Nguyen gelungen, ein Bleiberecht zu erwirken - vielleicht, weil im Zuge des Besuchs von Bundeskanzler Gerhard Schröder das Medieninteresse besonders groß war. Auch die ebenfalls im Landkreis Spree-Neiße gelegene Stadt Forst kämpft gegen die Abschiebung einer kosovarischen Familie mit sechs Kindern, von denen drei in den vergangenen acht Jahren in Deutschland geboren wurden. Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese (SPD) hat wegen beider Familien an den Bundeskanzler, den Bundestagspräsidenten, den Bundesinnenminister geschrieben, fühlt sich "vom Land und Bund im Stich gelassen".

Die Kinder Kaltrina, Bejtullah und Besford Bunjaku haben erst am vergangenen Montagabend erfahren, dass sie sich vielleicht bald von ihren Freunden, Schulkameraden und Lehrern verabschieden müssen. "Begriffen haben sie es nicht", sagt Mutter Shukrije. Am meisten hat ihr weh getan, als Besford, der Jüngste, ganz entgeistert fragte: "Was haben wir denn getan, dass wir nicht hier bleiben dürfen?"

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