Boxen : Adelsfamilien: Mit Pflichtgefühl gegen alte Vorurteile

Helmut Caspar

In der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR gab es eine üble Hatz auf den Adel. Ihm wurde alles Schlechte der Welt angelastet, er galt als Inkarnation des Militarismus und Steigbügelhalter der Nazis. Als historisch gerecht wurde angesehen, diesen "Landräubern" das zu nehmen, was ihre Macht ausmachte: Grund und Boden. Durch die Bodenreform von 1946 gab es eine radikale Umschichtung der Besitzverhältnisse, die alteingesessenen Familien wurden vertrieben. Viele gingen in den Westen. Tausende Neubauern erhielten kleine Parzellen, die bald zwangskollektiviert wurden. In einer von der KPD- beziehungsweise SED-Führung in Berlin gesteuerten Aktion wurden in Ostdeutschland zahlreiche Herrenhäuser zerstört oder zu Steinbrüchen gemacht. Und wie erging es dem brandenburgischen Adel nach der Wiedervereinigung, was wurde aus seinem angestammten Besitz, wie engagieren sich die Nachfahren in der Region?

Auch heute noch stehen viele der zum Teil sehr wertvollen Bauten leer, in einige zogen die aus dem Westen in die alte Heimat zurückgekehrten Nachkommen der ehemaligen Besitzer ein. Gelegentlich haben die früheren Landadligen, die schon während der Nazizeit wegen Teilnahme am Widerstand enteignet wurden, Boden und Herrenhäuser zurückerhalten. In der Regel aber wurde der Status quo nicht verändert - und in den Augen derjenigen, deren früherer Besitz nicht restituiert wurde, entstand neues Unrecht.

Am Donnerstag debattierten Vertreter von Adelsfamilien, Touristikfachleuten und Museologen im Schloss Caputh über diese Fragen. Die Veranstaltung im Rahmen des Preußenjahres 2001 warf ein interessantes Licht auf die Mühen, den Landbau auf ehemaligem LPG-Gelände zu reaktivieren, heruntergekommene Herrenhäuser wieder in Schuss zu bringen - sei es zu Wohnzwecken, als Museum oder für den allgemeinen Tourismus. Bei diesem Treffen erörterten "adelige Rückkehrer" auch die Schwierigkeiten, die sie bisher erlebt hatten. Und diese Hürden waren keine Einzelfälle, wie sich in Caputh herausstellte. Reinhild Gräfin von Hardenberg, Beatrix Gräfin zu Lynar oder auch der aus München in die Prignitz zurück gekehrte Augenarzt Bernhard von Barsewisch berichteten über ihre Erfahrungen.

Wie sie in über vier Jahrzehnten angesammelte Vorurteile und Ängste abbauten, wie sie Restitutionsansprüche durchsetzten (oder auch nicht), sich mit Kreditgebern herumschlugen, Nutzungskonzepte erarbeiteten und mit viel Geschick, persönlichem Einsatz und zum Teil erheblicher finanzieller Belastung - der Denkmalschutz stellt kaum Fördergelder zur Verfügung - desolate Bauten sanierten, "hört sich heute leicht an, war es aber nicht", sagte Bernhard von Barsewisch. Der Mediziner richtete im alten Gutshaus zu Groß Pankow eine Augenklinik ein, wobei er viele Unterstützung aus dem Ort erhielt. Jetzt sucht er nach eigenen Worten "händeringend nach Sponsoren" für ein anderes Gutshaus der Familie in Wolfshagen, in dem Kultur und Lebensweise des märkischen Landadels dokumentiert werden sollen und wertvolle Wandmalereien à la Chodowiecki noch auf den Restaurator warten.

Probleme mit den Prignitzern habe es eigentlich nicht gegeben, so von Barsewisch. Doch kenne er manche Verdächtigungen, die man dem märkischen Adel entgegen gebracht hat. Immer noch spuke in den Köpfen das Bild vom Peitsche schwingenden Gutsherren, schwer seien die in DDR-Zeiten propagierten Vorurteile gegen die "Feudalklasse" zu überwinden. Die "Akzeptanz" habe aber inzwischen zugenommen.

Das konnte Gräfin von Hardenberg bestätigen. Sie und ihr Bruder Friedrich Carl bekamen Schloß und Gut Neuhardenberg zurück, aber nur weil der Vater wegen seiner Teilnahme am Attentatsversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944 bereits von den Nazis enteignet wurde und der Grund und Boden daher nicht unter die Bodenreform-Regelungen fiel. Man habe das von Schinkel gebaute Schloss des preußischen Staatskanzlers von Hardenberg, das teilweise schon in der DDR restauriert wurde, aus Kostengründen nicht halten können und an eine Sparkassen-Vereinigung verkaufen müssen, sagte die 78-jährige, temperamentvolle Dame. Neuhardenberg habe beste Voraussetzungen, sich zu einem attraktiven Kulturstandort zu entwickeln.

Gräfin zu Lynar wiederum kehrte mit ihrer Familie aus Portugal nach Lübbenau zurück. Nach umfassender, auch durch den Verkauf von Bodenflächen finanzierter Restaurierung wurde das Lynar-Schloss in ein Hotel verwandelt, das nach schwieriger Startphase nun endlich "in die Gänge" kommt. Dass sich die Gräfin und ihre Familie in der alten Heimat engagieren, sei "eine Frage der Pflicht".

Im restaurierten Kutschstall am Alten Markt in Potsdam, dem neuen Haus der Brandenburgischen-Preußischen Geschichte, wird im Übrigen vom 18. August bis 11. November 2001 auch ein Stück märkischer Adelskultur des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Leihgeber sind neben Museen auch Nachfahren früherer Gutsherren, denen es gelang, das eine oder andere Familienerbstück vor dem Bildersturm nach 1945 zu bewahren.

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