Boxen : Alles sauber, alles rein

Radpartie 6 ins Land der Waldseen: Der Liepnitzsee bei Bernau gehört zu den saubersten Gewässern im Berliner Umland. Sein Wasser kann man sogar trinken. Dass er nach der Wende entdeckt wurde, liegt auch an der nahen Wandlitz-Siedlung

Claus-Dieter Steyer

Als der Angler seinen Fang wie eine Trophäe nach oben stämmt, fängt sein Kahn bedrohlich zu schwanken an und am Ufer kichern die Schaulustigen. Doch der Angler erreicht unbeschadet das Land. „Ein Eimer voller Maränen!“ Jetzt bricht Begeisterung los. Der Angler zeigt einige der etwa 15 Zentimeter langen Fische. „Unser Liepnitzsee ist doch eine Goldgrube“, ruft er und strahlt.

Tatsächlich gelten Maränen als unbestechlicher Gradmesser für die Sauberkeit eines Gewässers. Wo sie sich heimisch fühlen, kann auch der gemeine Mensch gefahrlos baden. „Alles sauber, alles rein“, sagt der Angler. Alles Quellwasser. „Aus unserem See könnte man sogar trinken.“ Da käme selbst der Stechlinsee bei Rheinsberg nicht heran, sagt der Angler. Und wer wollte widersprechen?

Der Liepnitzsee ist ein 114 Hektar großes Juwel. Zwischen Bernau und Wandlitz laden seine lauschigen Ufer zum Träumen ein. Man rastet unter mächtigen Buchen und Kiefern und blickt auf den glitzernden See. In dessen Mitte erhebt sich die Insel Großes Werder, die durch die alte Fähre „Frieda“ mit dem Festland verbunden ist. Der Reiz dieser Landschaft hat sich bereits herumgesprochen, wer allein sein will, muss sich neue Plätze suchen – von denen es allerdings nicht wenige gibt. Radfahrer haben also gegenüber Wanderern unbestritten einen Vorteil: Sie können viel schneller nach einer schönen Stelle Ausschau halten, wenn der mögliche Stammplatz besetzt sein sollte.

Viele einstige West-Berliner zog nach der Wende an den Liepnitzsee. Ausschlag dafür gaben auch die Berichte über eine Siedlung ganz in der Nähe: „Wandlitz“. Im Mittelpunkt stand aber nicht das kleine Dorf am gleichnamigen See, sondern der zu DDR-Zeiten hermetisch abgeschottete Wohnsitz der Partei- und Staatsführung. Genau genommen hatte das 1960 bezogene Areal mit 23 Häusern in einem gesondert gesicherten Innenring und mit einem ergänzenden Außenring aus zahlreichen Versorgungsgebäuden nichts mit dem drei Kilometer entfernten Wandlitz zu tun. Laut Grundbuch gehörte die Waldsiedlung von Ulbricht, Honecker, Krenz & Co. zum Stadtforst Bernau. Doch Wandlitz wurde zum Synonym für Machtmissbrauch, Bereicherung und Funktionärsclique. Lange mussten die Bewohner Beschimpfungen wie „verruchtes Wandlitz“ und „Schandlitz“ ertragen.

Aber man dachte sich auch etwas anderes: Wo die Mächtigen es sich gut gehen lassen, da muss es schön sein. Und so wurde beim Ausflug in die Bonzensiedlung nicht nur die Neugier auf die Wohnverhältnisse der Führung befriedigt, sondern auch die Umgebung in Augenschein genommen. Im Handumdrehen sprach sich die Schönheit des nur anderthalb Kilometer entfernten Liepnitzsees herum. Selbst Ostlern erging es so. Denn auch für sie war „Volvograd“, wie die Partei-Siedlung wegen der morgendlichen und abendlichen Kolonnen aus schwedischen Karossen hieß, nicht gerade ein erstrebenswertes Ziel.

Mehr als ein Jahrzehnt später hat sich viel verändert. Bis auf das Wachhäuschen erinnert in der Waldsiedlung kaum noch etwas an die Vergangenheit. Kurpatienten bummeln mit Schülern einer Tennisakademie, und Hotelgästen auf gepflegten Wegen durch den Park. Rund um den Liepnitzsee schätzen sie genau wie Radfahrer die asphaltierten Wege, die ihre Entstehung auch der DDR-Führung verdanken. Die in der Umgebung stationierten Sicherheitsposten sollten im Ernstfall so schnell wie möglich von allen Seiten das wohl wichtigste Gelände der gesamten kleinen Republik erreichen können. Kein Ast oder Loch im Sandweg durfte dabei die Anfahrt der Mannschaftswagen behindern. Der Radler freut sich heute, ohne diese Details zu kennen. Sie machen das Beste aus der Situation. Selbst Anfänger oder Familien mit Kindern kann deshalb diese Tour zum Liepnitzsee empfohlen werden.

Gerade Kindern gefällt es hier: Zahlreiche Tiere – Eichhörnchen, Rehe, Kuckuck oder Schellente – kennen keinerlei Scheu vor Menschen. Jahrelange Präsenz von Wachleuten und Jagdverbot haben in der Tierwelt ein Gefühl der Sicherheit ausgelöst.

Wer am lauschigen Westufer des Sees eine Rast einlegt, kann beim Blick auf die Landkarte noch über eine geographische Eigenart nachsinnen. Hier verläuft die Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee. Während der Abfluss des nur zwei Kilometer entfernten Wandlitzsees über Rahmer- und Lubowsee im Tal der Briese und damit später in der Havel und Elbe endet, entwässern der Liepnitz-, der Ober- und der Hellsee in die Alte Finow und später in die Oder. Ihren Ursprung haben alle Waldgewässer in der letzten Eiszeit vor mehr als 10 000 Jahren.

Auch der dichte Wald unweit des an unserer Radroute gelegenen Hellsees birgt so manche Geheimnisse. Großadmiral Karl Dönitz ließ sich hier einen unterirdischen Bunker für die Leitung des Kriegseinsatzes der U-Boot-Flotte zwischen 1943 und 1945 bauen. Bis zu 1000 Soldaten fanden in den zwei Etagen unter der Erde Platz. Unweit davon deuten dicke Betonmauern auf die einst mächtigen, aber vorwiegend überirdisch gebauten Bunker für das Wachpersonal und die Funkeinheit hin. Die Bauwerke wurden nach Kriegsende zwar gesprengt, doch die angebrachte Ladung war offensichtlich viel zu gering. Den Dönitzbunker beschlagnahmte der Führungsstab der 20. Sowjetischen Garde-Armee für seine Zwecke. Vor den Militärs gehörte das Gelände den ebenfalls auf unserer Tour liegenden Hoffnungsthaler Anstalten in Lobetal. Sie mussten die Grundstücke an den Reichsfiskus abtreten, stellten nach der Wende aber keinen Rückgabeanspruch.

Doch leer stehen weder der Dönitzbunker, noch die in der Umgebung weit verbreiteten unterirdischen Bunker der Armeen der DDR und der Sowjetunion. Hier fühlt sich eine vom Aussterben bedrohte Tierart wohl: Fledermäuse schätzen die gleichmäßigen Temperaturen für ihren Winterschlaf. Bundesumweltministerium und Stiftung „Euronatur“ gaben zu ihrem Schutz mehrere Hunderttausend Euro. Projektleiter Matthias Meißner sagt: „Seltene Tiere sind der beste Beweis für eine intakte Natur.“

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