Boxen : Alte Gotteshäuser: Die Dorfkirche als letzter Anker

Auskünfte gibt der Förderkreis Alter Kir

Jeden Morgen schaut Hans-Christian Johannsen mit einem bangen Gefühl von seiner Wohnung zum Kirchturm: Steht er noch oder hat ihn der Wind endgültig umgeworfen? Dabei erscheint der Zustand aus zwei Kilometer Entfernung als gar nicht so dramatisch. Erst beim Blick aus der Nähe zeigt sich die Schieflage der Kirche von Jacobshagen zwischen Templin und Boitzenburg, rund 80 Kilometer nördlich Berlins. Eine Granate kurz vor Kriegsende beschädigte die Stützpfeiler. Die notdürftige Reparatur hielt den Verfall nicht auf. Im Laufe der Zeit lösten sich die oberen Turmbalken aus der Verzahnung. Fäulnis ließ selbst tragende Teile auseinanderbrechen. "Höchste Zeit, dass etwas passiert", sagt Johannsen, der vor anderthalb Jahren einen Förderverein zur Rettung der Kirche ins Leben rief. In den nächsten Tagen sollen endlich Gerüste für die Sicherung des Turmes aufgestellt werden.

Die Jakobshagener Kirche und ihr Förderverein könnten überall im Land zu finden sein, vor allem aber in den ländlichen Gebieten fernab der Städte. Denn dort schwindet teilweise dramatisch die Zahl der Einwohner und damit auch die der Kirchgänger. Gottesdienste im Dorf finden nur noch sporadisch und im schlimmsten Fall gar nicht mehr im Dorf statt. Schon heute betreut in Brandenburg ein Pfarrer durchschnittlich drei bis vier Gemeinden, in einigen Gegenden wie in der Uckermark oder im Oderbruch kümmert er sich um bis zu 17 Kirchen. In immer mehr Orten bleiben die Türen ganz verschlossen.

"Untätigkeit bedeutet Gefahr für das Bauwerk", sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz, stellvertretender Leiter der landeskirchlichen Bauabteilung. "Bei der alten Bausubstanz reichen fünf Jahre Vernachlässigung, danach muss man von einer Ruine sprechen." Von den etwa 1300 Brandenburger Dorfkirchen sieht das Bauamt für 200 bis 300 dieser Bauten große Gefahr. Schon heute stehen etwa 40 bis 50 Kirchen als Ruinen in der Statistik, die meisten davon im Oderbruch, schon seit der Zerstörung im Krieg.

"Wir hätten auch bei uns die Hände in den Schoß legen können", erzählt Hans-Christian Johannsen aus dem 240 Einwohner zählenden Jakobshagen. "Aber irgendwie ist die Kirche der letzte Anker im Dorf. Schule weg, Kneipe weg, Konsum dicht, LPG aufgelöst." Deshalb hat der frühere Produktionsleiter bei der Defa in Potsdam vor anderthalb Jahren angefangen, mit einem Freund die Fenster auszubessern. Daraus entstand nach und nach der Förderverein mit heute 25 Mitglieder. Zuerst waren hier die aus Berlin aufs flache Land gezogenen Neu-Jakobshagener unter sich. Jetzt ist das Verhältnis zu den Einheimischen ausgeglichen. Über die Arbeit für die Kirche seien die Menschen sogar wieder miteinander ins Gespräch gekommen. "Es gibt so etwas wie Gemeinschaftssinn", erzählt der arbeitslose Filmtechniker.

Als "Nicht-Christ" habe er in der Kirche keine Berührungsängste. Der Förderverein organisiere Kunstausstellungen, Konzerte und Lesungen. Barbara Thalheim war schon da, am heutigen Sonntag gastiert Eva-Maria Hagen. 300 bis 400 Mark kommen nach jeder Veranstaltung zusammen. Die Betonung liege auf "nach". Wer von vornherein Eintritt verlange, komme auf dem Land nicht weit. Das sei wie eine Barriere. "Bitten wir aber nach so einer Veranstaltung um Kollekte, liegt schon mal ein 50-Mark-Schein im Behälter", sagt Johannsen. Nur die Jugend lässt sich nicht sehen. Auf der Suche nach einem Job kehrt sie ihrer Heimat den Rücken.

Rund 40 lokale Vereine gehören heute zum 1990 gegründeten Förderverein Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. "Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Bernd Janowski von der Vereinsführung. "Seminare, Tagungen, Exkursionen und Erfahrungsaustausche." Die Gemeinden selbst sind oft mit dem Kirchenerbe überfordert. "Wer soll sich denn bei 49 Einwohnern und neun Mitgliedern der Gemeinde um die Kirche kümmern?", fragt Hannes Karsemann aus Küstrinchen bei Lychen. Im November 1970 hat in dem jetzt vom Dickicht vieler Bäume und Sträucher wie ein Märchenschloss eingerahmten Bauwerk der letzte Gottesdienst stattgefunden.

Das Kulturministerium unterstützt mit bescheidenen Mitteln die Kirchensanierungen. "Aber wir brauchen jemanden vor Ort, der nach Geld verlangt und dem wir es in die Hand drücken können", sagt Hartmut Dogerloh, Referatsleiter im Ministerium. Deshalb seien Fördervereine so wichtig. Oftmals fehle es aber gerade dort an Initiatoren, wo sie am dringendsten gebraucht würden. Landeskonservator Detlef Karg steht neuen Nutzungsideen für Dorfkirchen durchaus offen gegenüber. "Der ursprüngliche Widmungszweck besitzt zwar Priorität, aber notfalls müssen wir auch anderen Konzepten zustimmen." Ein Beispiel sei die Kirche in Milow, in der die Sparkasse einzog. "Sie wurde so vor dem Abriss bewahrt", erklärt Karg.

Damit noch mehr Kirchen gerettet werden, hat der Förderkreis Alter Kirchen ein "Starthilfe-Programm" gestartet. Zehn neue Vereine können sich um jeweils 5000 Mark Zuschuss bewerben, den die Robert-Bosch-Stiftung aus Stuttgart zur Verfügung stellt. "Hauptsache, es fängt jemand an", sagt der Jacobshagener Hans-Christian Johannsen. Dann falle auch das Geldsammeln leichter. In einem Jahr brachte der Verein rund 60 000 Mark zusammen. Als ein Bielefelder Lebensmittelkonzern allein 30 000 Mark stiftete, zeigten sich auch Bund und Land spendabel. Der schiefe Turm von Jakobshagen scheint jedenfalls bald gerettet zu sein.

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