Am Badesee : Neonazis gegen Nackte

Ein Kiesgrubenbesitzer im Süden Brandeburgs heuerte NPD-Aufpasser an. Sie sollen Diebe und Badende vom FKK-Strand vertreiben. Die Badegäste sind empört. Er spricht von "Hilferuf".

Werner Alldorf

Bad Liebenwerda - Am Montag haben sie noch Witze gemacht. „Habt ihr denn Euren NPD-Ausweis dabei, wenn die Braunen kommen?“, fragte ein Mann ein älteres Ehepaar, das gerade sein Sonnenschutzzelt am FKK-Strand der Kiesgrube Zeischa aufbaute. Die beiden Nackten lachen und deuten auf ihre Körper: „Wir sind doch braun genug.“

Man kennt sich hier. Die meisten Badegäste kommen aus der Bungalowsiedlung des kleinen Dorfes zwischen Bad Liebenwerda und Elsterwerda im Elbe-Elster-Kreis. In der Kiesgrube schwimmen sie seit Jahrzehnten. Doch seit Dienstag ist ihnen das Witzemachen vergangen: Täglich werden sie von stämmigen, glatzköpfigen oder kurz geschorenen jungen Männern vom Strand vertrieben. Der Besitzer der Kiesgrube hat nach eigenen Angaben Neonazis aus Sachsen als privaten Wachschutz angeheuert. Die Empörung darüber ist groß im Süden Brandenburgs.

„Das habe ich gewollt“, sagt Mirko Schüring, Besitzer der Kiesgrube und Betreiber des Kieswerkes Zeischa. „Traurig ist nur, dass offenbar niemand begreift, dass das Ganze ein Hilferuf von mir war.“ Dann erzählt er seine Geschichte: Dass in den vergangenen sechs Monaten zwölfmal bei ihm eingebrochen wurde. Dass die Diebe immer wieder Kupferkabel stahlen. Dass ihm ein Schaden von mehr als 150 000 Euro entstand. Dass er deshalb am Rande der Existenz stehe. Dass die Polizei sein Grundstück nicht schützen könne und nie ein Täter ermittelt wurde.

Als er vor zehn Tagen wieder nicht produzieren konnte, weil wieder ein riesiges Stück Kabel gestohlen worden war, sei er durchgedreht, sagt Schüring. Im Beisein der örtlichen Zeitung entließ er elf seiner zwölf Angestellten und kündigte an, dass er nun Hilfe bei der NPD suchen würde. Am Wochenende sei er in die Sächsische Schweiz gefahren, erzählt er: „Man weiß ja, wo sich die Leute treffen.“ Dort habe er seine Wachschützer angeheuert.

Die patrouillieren nun mit Schlauchbooten auf dem See oder zu Fuß am Strand entlang. Höflich, aber bestimmt fordern sie die Badegäste auf, das Gelände zu verlassen, ansonsten drohe ihnen eine Strafanzeige. „Das Drohpotenzial ist enorm“, sagt ein Bungalowbesitzer: „Ältere Leute trauen sich nicht mehr zum Strand.“

Aber was haben die Badenden mit den Diebstählen zu tun? „Nichts“, gibt Mirko Schüring zu: „Aber wenn ich den Leuten erlaube, in meinem See zu baden, dann sollen die kommunalen Vertreter auch etwas tun, um mir zu helfen.“

Schüring nennt sein Vorgehen einen „Hilferuf“. Andere nennen es „Erpressung“. Der Ortsbürgermeister von Zeischa, Helmut Andrack (Die Linke), versteht zwar die Sorgen des Unternehmers, aber nicht die Art und Weise, mit der er auf seine Probleme aufmerksam machen will: „Die NPD ins Spiel zu bringen, das geht zu weit“, sagt er. „Die Zeischaer werden aber auf jeden Fall verhindern, dass die Braunen hier hoffähig werden.“ Rechtlich sei Schüring nicht beizukommen: „Es ist sein Grundstück, das Baden ist hier illegal. Allerdings gibt es Vereinbarungen mit den Anrainern, dass sie den See nutzen dürfen. Dafür halten sie den Strand sauber, machen Frühjahrsputz.“

Dass man vor Ort gemeinsam eine Lösung finden muss, findet auch der Bürgermeister von Bad Liebenwerda, Thomas Richter (CDU). „Allerdings ohne Drohungen und Erpressungen mit NPD-Mitgliedern“, sagt er: „Herr Schüring scheint wirklich existenzielle Probleme zu haben, dass er zu solch’ inakzeptablen Mitteln greift.“ „Ja, ich habe existenzielle Probleme“, gibt Schüring zu: „Die Spritpreise steigen, die Aufträge gehen zurück und dazu kommen die Diebstähle. Und niemand kümmert sich um die Probleme von Mittelständlern.“

„Bei uns hat sich Herr Schüring nicht gemeldet“, sagt Roland Kleint, der Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Brandenburg: „Wir hätten sicher eine andere Möglichkeit gefunden, ihm zu helfen. Sein Verhalten ist inakzeptabel.“ Auch die Polizei weist die Vorwürfe Schürings zurück. Er habe nicht zwölf, sondern nur vier Vorfälle auf seinem Gelände in den vergangenen sechs Monaten gemeldet: „Wir haben ordnungsgemäß ermittelt. Aber ein solch großes Grundstück können wir nicht dauernd bewachen.“

Am Freitag trafen sich der Bad Liebenwerdaer Bürgermeister Thomas Richter und Mirko Schüring zu einem Gespräch. „Wir haben einiges vereinbart, um ihm zu helfen“, sagte der Bürgermeister : „Und er will die Wachleute wieder vom See abziehen.“ „Ich bin kein Neonazi“, sagt der Unternehmer: Ein wenig merkt man ihm die Angst an, dass er zu weit gegangen ist. „Kann sein, dass ich keine Aufträge mehr bekomme. Aber wenn man mich nochmal beklaut, brauche ich die nicht mehr. Dann bin ich erledigt.“

Die meisten Badegäste würden das bedauern. „Aber nur wegen der Arbeitsplätze und weil durch den Betrieb des Kieswerkes das Wasser schön klar bleibt“, sagt ein Bungalowbesitzer und setzt – sehr ernst – hinzu: „Braune Brühe wollen wir hier nicht.“

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