Boxen : An den Schulen geht es um viel mehr

Sandra Dassler

"Alle, die an Gott glauben, aufstehen!" Zögernd erheben sich einige Schüler. "So", sagt der Lehrer zum Rest der Klasse, "jetzt lacht ihr die mal richtig aus!"

Die Szene trug sich vor 30 Jahren an der Polytechnischen Oberschule eines ostdeutschen Dorfes zu. Die Eltern der gläubigen Schüler begehrten auf, beriefen sich auf das in der DDR-Verfassung garantierte Recht auf Religionsfreiheit. Auch einige nicht christliche Eltern schlossen sich ihnen an. Der gemeinsame Protest hatte Erfolg - wenig später musste der Lehrer die Schule verlassen.

Auf Befehl eines Lehrers ausgelacht wird heute an Brandenburgs Schulen hoffentlich keiner mehr. Aber immer wieder einmal berichten Eltern von Benachteiligungen oder abfälligen Bemerkungen nicht christlicher Lehrer gegenüber jenen Schülern, die am Religionsunterricht teilnehmen. Selbst wenn die Karlsruher Richter in der vergangenen Woche verkündet hätten, dass Religion ab sofort als gleichberechtigtes Unterrichtsfach zwischen Lausitz und Prignitz einzuführen sei, würde sich daran nichts ändern. Dazu bedarf es viel mehr jener oft beschworenen Toleranz und des Respekts vor den Andersdenkenden an den Schulen.

Die meisten LER-Lehrer in Brandenburg haben sich diesem Anspruch durchaus verschrieben. Manche von ihnen sind selbst Christen, andere bitten befreundete Pfarrer oder eben die Kollegen Religionslehrer, in LER über ihren Glauben zu sprechen. Andererseits engagieren sich viele Christen ganz bewusst als Elternsprecher oder in Schulfördervereinen. Und nicht wenige Schuldirektoren fanden auch schon in der Vergangenheit - mit etwas gutem Willen - Zeiten für den Religionsunterricht, die Schüler nicht als Bestrafung empfanden, weil sie erst am kostbaren Nachmittag stattfanden.

Sie alle leben vor, was im langwierigen politischen Streit um LER leider längst in Vergessenheit geraten ist. Bei diesem geht es um Macht, Einflussnahme und nicht zuletzt ums Geld. An den Schulen aber geht es um viel mehr: Wer Kindern die Werte einer Zivilgesellschaft nahe bringen will, der muss selbst auch Zivilcourage zeigen. Das mag für Lehrer und Eltern heute einfacher sein als zu DDR-Zeiten. Engagement erfordert es aber auch in der Demokratie. Und notwendig ist es (nicht nur) im Land Brandenburg allemal.

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