Atomenergie : Proteste gegen geplanten Reaktor-Transport

Der Antrag auf ein Verbot den gegen die Beförderung des stillgelegten Reaktors aus Rheinsberg wurde abgelehnt. Die Polizei verstärkt ihre Präsenz an der Strecke, um die Sicherheit des Transportes gewährleisten zu können.

Claus-Dieter Steyer
Reaktor
Dicker Brummer. Von einem blauen Schutzmantel umgeben liegt der Kernreaktor auf einem Spezialtransportwaggon. -Foto: ddp

RheinsbergNach den für heute angekündigten Protestaktionen von Atomkraftgegnern rund um das stillgelegte Kernkraftwerk Rheinsberg hat die Polizei ihre Präsenz erheblich verstärkt. Bewacht wird vor allem die Eisenbahnstrecke, auf der das 170 Tonnen schwere Reaktordruckgefäß heute ins Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Lubmin bei Greifswald transportiert werden soll. Dort wird es für die nächsten 40 bis 70 Jahre aufbewahrt, bis die Reststrahlung abgeklungen ist. Erst dann können Fachleute mit der Zerlegung des Herzstücks des seit 1995 demontierten Kraftwerks beginnen. Atomkraftgegner wollen mit Aktionen auf die ungeklärte Lösung für radioaktive Abfälle in Deutschland aufmerksam machen. Außerdem halten sie die drei Bahnbrücken in Lindow bei Rheinsberg für einsturzgefährdet. Mehrere Aktivisten aus Niedersachsen und Brandenburg begannen gestern mit einer Mahnwache an den zwei Brücken, um auf deren "maroden Zustand“ aufmerksam zu machen.Gestern Abend lehnte unterdessen das Verwaltungsgericht Köln einen Antrag zweier Bürgerinitiativen auf eine einstweilige Verfügung gegen den Transport ab.

Marode Brücken gefährden den Transport

Unterstützung finden die Atomkraftgegner bei den brandenburgischen Grünen. Deren Landesvorsitzender Axel Vogel forderte , angesichts "grober Sicherheitsmängel“ den Transport zu verschieben. Erst müsse die Bahn die Tragfähigkeit der Brücken in Lindow durch ein unabhängige Gutachter überprüfen lassen.

Auslöser der Debatte um die Sicherheit der Brücken war die Entscheidung der Bahn vor einigen Wochen, auf der Strecke zwischen Rheinsberg und Lindow keine behindertengerechten Waggons mehr einzusetzen. Durch den dort eingebauten Lift für Rollstühle seien die Wagen für die Lindower Brücken zu schwer, hieß es. "Damals ging es um eine Last von 50 Tonnen“, sagte Bauingenieur Bernd Ebeling aus Uelzen, der für eine Bürgerinitiative die Brücken untersuchte. "Der Konvoi mit dem Reaktor bringt aber 400 Tonnen auf die Waage. Das ist unverantwortlich.“

Brandenburgs Umweltminister Dietmar Woidke (SPD), in dessen Ressort der Abriss des KKW fällt, verlässt sich dagegen auf die Bahn. "Alle Bedenken wurden eingehend geprüft und für nicht relevant bewertet“, sagte Woidke. Es würden zusätzliche Stützen unter den Brücken angebracht. Der Minister überzeugte sich gestern persönlich von der Vorbereitung des Konvois. Auch der Chef des Kernkraftwerkes, Michael Schönherr, verlässt sich für den heute um 11.19 Uhr startenden Sonderzug nach Lubmin auf die Versicherungen der Brückenstatiker. "Nach ihren Angaben besteht durch die Verteilung der Last auf 24 Achsen keine Einsturzgefahr“, sagte Schönherr. Entlang der bis 22.50 Uhr geplanten Fahrt durch Nordbrandenburg und Vorpommern müssen die Bahnhöfe für den Atomtransport nicht geräumt werden. Die Strahlenbelastung des Reaktors mache nur einen Bruchteil jenen Wertes aus, der beim normalen Röntgen auf den Körper wirke, sagte der Projektplaner Friedrich Krause.

Brandenburgs Atomenergie wird zur Geschichte

Mit einem etwas wehmütigen Blick betrachtet Kraftwerkschef Schönherr den verladenen Reaktorbehälter. "Ich finde es schade, dass sich Brandenburg völlig von der Atomenergie verabschiedet“, sagte Schönherr, der seit 1979 im Werk arbeitet. "Wir verpassen da eine große Chance, zumal wir über ein tolles Fachwissen verfügen.“ Der 70-Megawatt-Reaktor war 1966 in Betrieb genommen worden. Rheinsberg war dabei lediglich Namensgeber, tatsächlich ist das Dorf Menz am Stechlinsee näher. Zu DDR-Zeiten beschäftigte das Kraftwerk rund 600 Ingenieure und Arbeiter. Heute gibt es hier noch 170 Jobs, die spätestens in drei bis vier Jahren mit dem Abriss der letzten Gebäude verschwinden werden. Über die Zukunft des Geländes gibt es noch keine klaren Aussichten. Umweltminister Woidke kann sich hier eine "Produktionsstätte für regenerative Energien“ vorstellen.

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