Boxen : Auf kleiner Flamme

Die Raffinerie in Schwedt fährt die Produktion nach dem Stopp der Öllieferungen leicht zurück

Claus-Dieter Steyer

Schwedt - „Die Flammen lodern noch.“ Auf diesen Satz folgt zugleich ein Schulterzucken, das für Deutungen viel Spielraum zulässt. Für die einen sind die Feuer an den Spitzen von zwei der vielen Schornsteine über der Erdölraffinerie am Rande von Schwedt ein Zeichen der Zuversicht: So schlimm werde es mit dem Lieferstopp aus Russland wohl nicht kommen, heißt es bei vielen Passanten in der Fußgängerzone. Andere Schwedter haben von ihren Balkons in den Hochhäusern gestern genau gezählt. Nur eine der beiden Flammen brannte noch, erzählen sie. Selbst der Bürgermeister der 37 000 Einwohner zählenden Stadt an der Grenze zu Polen, Jürgen Polzehl (SPD), vertraut auf diese Zeichen. „Solange wir die Fackeln sehen, besteht kein Grund zur Panik“, sagt er.

Schon seit der Eröffnung des damaligen Erdölverarbeitungskombinates 1963 gehören die Tag und Nacht zu sehenden Flammen zum Stadtbild. In jenem Jahr kam das erste Erdöl aus den Weiten Sibiriens über die Pipeline „Druschba“ – „Freundschaft“ – in der damals nur etwas mehr als 7500 Einwohner kleinen Stadt an. Bei der Verarbeitung von Rohöl zu Benzin, Diesel und Heizöl entstehen Nebenprodukte, die abgefackelt werden müssen. „Je kleiner die Flamme, desto besser läuft die Produktion“, versucht Pressesprecher Karl-Heinz Schwellnus von der PCK (Petrolchemisches Kombinat) GmbH, alle besorgten Beobachter zu beruhigen. Trotz des Lieferstopps russischen Öls laufe die Produktion weiter, wenn auch auf leicht reduziertem Niveau. Die Lagerbestände in Schwedt reichten für mehrere Tage, sagt Schwellnus. Sollte sich der Streit zwischen Weißrussland und Russland über den Öltransit weiter zuspitzen, würde Öl in Rotterdam gekauft und per Schiff nach Rostock gebracht. Dort beginnt eine 203 Kilometer lange Rohrleitung nach Schwedt. Bereits gestern beorderte PCK kurzfristig einen dänischen Öltanker nach Rostock. Er soll 80 000 Tonnen Rohöl in die Pipeline einspeisen. Im PCK, der größten ostdeutschen Raffinerie, werden jährlich mehr als zehn Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet.

Bis zur Inbetriebnahme der Erdölleitung „Freundschaft“ lebten die Menschen in der dünn besiedelten Uckermark vor allem vom Tabakanbau und der Landwirtschaft. Doch die DDR-Planer hatten die östlichste Stadt im Norden des Landes zum Industriestandort bestimmt. Menschen aus allen Teilen der kleinen Republik siedelten sich hier an, gelockt von Wohnungen in Plattenbauten und guten Löhnen. 1989 lebten rund 52 000 Menschen hier. 8000 von ihnen verdienten ihr Geld auf dem Gelände des PCK, andere in einer Papier-, einer Schuh- und einer Fleischfabrik. Schwedt erhielt ein bis heute bestehendes modernes Theater, eine Schwimmhalle und ein gut bestücktes und nach der Wende aufgegebenes Kaufhaus. Doch längst ist mit dem Oder-Center ein Ersatz gefunden. Es gehört der Firma ECE, die vom Versandhausgründer Werner Otto ins Leben gerufen wurde. Otto war einst in Schwedt zur Schule gegangen und entschied sich aus alter Verbundenheit für das Einkaufszentrum, obwohl die Kaufkraft in der Region stetig abnimmt. Rund 15 000 Menschen verließen Schwedt seit der Wende. Noch 1400 Jobs bietet die schon 1991 privatisierte PCK GmbH.

Sie gehört heute einer Rohöl-GmbH, der Shell Deutschland GmbH sowie den ebenfalls von den Tankstellen bekannten Firmen Agip und Total. „Das ist die Garantie für Schwedt“, sagt ein Mann im Stadtzentrum. „Die Ölmultis werden schon darauf achten, dass sie mit ihrer Raffinerie immer schön Geld verdienen.“ Eine Frau spekuliert auf das Interesse der Russen. „Die wollen doch ihr Öl verkaufen und werden auf die Weißrussen schon ordentlich Druck ausüben.“ Von größeren Sorgen spricht zumindest an diesem Nachmittag niemand. Tatsächlich haben sich die Mineralölgesellschaften die Modernisierung der Schwedter Anlagen viel Geld kosten lassen – seit 1990 flossen nach Unternehmensangaben rund 1,7 Milliarden Euro in das PCK.

Vor den Werkstoren deutete gestern nichts auf eine Unruhe unter den Beschäftigten hin. „Wir haben zu tun wie immer“, hieß es übereinstimmend von befragten Beschäftigten. Auch Tanklaster verließen in großer Zahl das Gelände, am Nachmittag beispielsweise in Richtung Flughafen Tegel und Polen. Die Berliner Tankstellen und Haushalte werden über ein großes Lager in Seefeld, unweit des nordöstlichen Berliner Stadtzentrums gelegen, versorgt. Eine Rohrleitung verbindet Schwedt mit Seefeld, aus dem gestern keinerlei Störungen gemeldet wurden. Noch reichen also die Lagerbestände.

Am heutigen Mittwoch will Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) die Raffinerie in Schwedt besuchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben