Boxen : Aufbau-Zerstörung-Demontage-Wiederaufbau-Wende-Aufbruch

CLAUS-D.STEYER[FÜRSTENWALDE]

Wildbewegte Historie: Pneumant, einziger ostdeutscher Reifenhersteller, feiert heute 90jähriges Betriebsjubiläum VON CLAUS-D.STEYER, FÜRSTENWALDE

Solche Daten fallen auf, erst recht im Osten: 90 Jahre Produktion, Wende einigermaßen überstanden, volle Auftragsbücher und nach millionenschwerer Investition Startschuß für neue Anlagen.Zur Feier dieser Ereignisse werden heute im 50 Kilometer östlich Berlins gelegenen Fürstenwalde 1000 Gäste erwartet.Ort des kleinen Wunders ist die Pneumant Reifen GmbH. Auf den Einladungen zur Feier "90 Jahre Reifenmarke Pneumant" ist allerdings leicht geschummelt worden.1906 gab es weder eine Firma Pneumant, noch wurden Reifen in Fürstenwalde hergestellt."Wir haben aus der Geschichte einfach das Datum herausgegriffen, als in Berlin die Deutschen Kabelwerke eine Abteilung Gummireifen gründeten", sagt Werkleiter Werner Pletorack augenzwinkernd."Darauf geht ja unsere Produktionsstätte zurück." 1922 entsteht die DEKA Pneumatik GmbH, allerdings noch immer mit Sitz in Berlin.Die DEKA setzt 1936 als weltweit erster Betrieb den in Schkopau entwickelten Synthese-Kautschuk Buna für die Reifenherstellung ein.Zwar wird ein Teil der Kabelproduktion aus Berlin in die Nähe von Fürstenwalde ausgelagert, doch erst im September 1940 kommen tatsächlich die ersten Reifen aus einem Fürstenwalder Werk. Die weitere Geschichte ähnelt jener der meisten ostdeutschen Betriebe: Zerstörung am Kriegsende, Demontage der heilgebliebenen Maschinen als Reparationsleistung für die Sowjetunion, schwieriger Wiederaufbau der Maschinenhallen 1947 mit "krummen und verrosteten Nägeln", wie die Chronik vermerkt.Den Markennamen DEKA erstreitet sich ein früherer Hauptaktionär in Westdeutschland, so daß 1959 das Markenzeichen Pneumant eingeführt wird.Jeder Tarbant und Wartburg fährt diese einzige Reifenmarke der DDR.Auch die bis in die sechzziger Jahre in Dresden gebauten Flugzeuge rollen auf Reifen Marke Pneumant.Die heute längst gängige Praxis, Flugzeuge auch mit runderneuerten Reifen auszustatten, wurde erstmals in der DDR mit Fürstenwalder Produkten probiert.Als "Weltpremiere" wird diese mehr der Mangelwirtschaft zuzuschreibende Entwicklung heute vermerkt. Mangel war ohnehin ein geflügeltes Wort.Zwar wuchs das Reifenkombinat Fürstenwalde mit Zweigbetrieben in der ganzen Republik auf zuletzt 11 500 Mitarbeiter, doch Reifen wurden zur Kostbarkeit.Denn der größte Teil der Produktion ging ins Ausland, nach Ost und West."Es war eine schlimme Zeit", erzählt Werner Pletorack, der 1956 in der Gummimischerei anfing und heute zu den ältesten Beschäftigten zählt.Seit fast zwei Jahren sitzt er auf dem Chefsessel."Als Betriebsangehörige erhielten wir zwar in großen Abständen einige Reifen bevorzugt zugeteilt, doch der Ruf von Pneumant war schon wegen des akuten Mangels schlecht." Tatsächlich wurden die Pneus bis zum letzten Millimeter abgefahren, geflickt und wie Badewannen, Waschbecken, Fliesen oder Autobestellungen auf dem Schwarzmarkt gehandelt."Dieses Image fiel uns nach der Wende gehörig auf die Füße", erinnert sich der heutige Werkleiter Pletorack."Niemand wollte mehr etwas von Pneumant wissen.Die Händler strichen die Marke aus ihrem Sortiment oder stellten unsere Reifen in die letzte Ecke." Die Zeit der Ungewißheiten begann.Tausende Arbeiter erhielten ihre Papiere.Mehrfach stand das Werk vor der Schließung.Die Treuhand bot die Anlagen wie Sauerbier an und versteifte sich monatelang auf einen geheimen Interessenten aus dem Iran.In der Zwischenzeit veralteten die Anlagen weiter.Die Iraner winkten schließlich ab.Anfang Januar 1995 kam dann mit der SP Reifenwerke GmbH Hanau, die ihre Produkte unter dem Namen "Dunlop" verkaufen, die Rettung. Im sächsischen Zweigwerk Riesa und in Fürstenwalde wurde die Produktion komplett umgekrempelt.150 Millionen Mark werden bis zum Jahr 2000 Mark ausgegeben.722 Mitarbeiter behielten ihren Arbeitsplatz, 358 in Riesa und 364 in Fürstenwalde."Die Autofahrer sind inzwischen aus ihrem Schmollwinkel zurückgekehrt und greifen wieder zu Pneumant-Reifen", sagt Pletorack.Bei zehn Prozent liegt der Marktanteil inzwischen im Osten, im Westen sind es zwei Prozent.Damit die Zahlen steigen, werden ab Montag auch in Fürstenwalde nur noch Pkw-Reifen hergestellt.Das Feld der Lkw-Pneus wird den billigen osteuropäischen Produzenten überlassen. Werkleiter Pletorack fährt selbstverständlich auf Pneumant.Seinen neuen BMW ließ er eigens beim Händler umrüsten.Der altgediente Reifenwerker grinst: "Soviel Patriotismus muß sein."

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