Boxen : Ausstellung im Schloss Reckahn: Von schlauen Bauern und dicken Kartoffeln

Helmut Caspar

Lesen, schreiben, rechnen - viele Untertanen des Königs von Preußen waren vor über 200 Jahren noch Analphabeten - und das, obwohl es die Schulpflicht bereits gab. Doch Unterricht auf dem Lande war für Bauernkinder schwierig, sie mussten auf dem Feld mitarbeiten und hatten fürs Lesen und Schreiben keine Zeit. Außerdem gab es Schulen meist nur in Städten. Dies sei ein Problem, befand Gutsherr Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) in Reckahn und mühte sich um Abhilfe. Denn er wusste, dass die Entwicklung des Staatswesens, aber auch die Ökonomie davon abhängt, wie die allgemeine Bildung beschaffen ist.

"Vernunft fürs Volk", heißt die Ausstellung, die bis Jahresende im Schloss Reckahn über das Wirken des Gutsherrn informiert. Der Ausstellungstitel ist versehen mit dem Zusatz "Friedrich Eberhard von Rochow im Aufbruch Preußens", denn Rochow gehörte zu den Wegbereitern der Stein-Hardenbergschen Reformen im Anschluss an Preußens Niederlage im Krieg gegen Frankreich anno 1806. Wissenschaftler der Universität Potsdam würdigen mit der Ausstellung, unterstützt durch mehrere Archive und Museen, einen bildungsbeflissenen und klug wirtschaftenden Gutsherrn. Auf eigene Kosten hatte er eine Dorfschule mit zwei Unterrichtsräumen nicht weit vom Gutshaus entfernt eingerichtet. Rochow engagierte den Lehrer Heinrich Julius Bruns, dessen Grab auf dem benachbarten Friedhof noch heute geschmückt wird und unterrichtete auch selbst. Außerdem trat er als Autor pädagogischer Traktate in Erscheinung, die zu den besonderen Schaustücken der mit Gemälden, Karten und Grafiken bestückten Ausstellung gehören. Immer wieder nachgedruckt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde sein erstmals 1776 veröffentlichtes Buch "Kinderfreund - Ein Lesebuch zum Gebrauch in Landschulen", ein Wegweiser zu elementarem Wissen, der sich nach Rochows Worten "zwischen Fibel und Bibel" bewegte. "Dieses Buch ist der Armen wegen so wohlfeil. Denn es muß in jedes Schulkindes Händen seyn. Sonst könnten viel Kinder zugleich daraus nicht lesen lernen", heißt es im Vorwort. Die Idee fand Beachtung.

Beim Rundgang durch die Ausstellung erfährt man, dass sich vor 200 Jahren Bildungsexperten und Politiker aus aller Herren Länder in Reckahn die Klinke in die Hand gaben und überall in Europa begeistert über das Pilotprojekt in der Mark Brandenburg berichtet wurde. Ebenso auftauchende Kritik an seiner Bildungsmission konnten den adligen Aufklärer indes nicht beeindrucken. Im Gegenteil, er wies mit Taler und Pfennig nach, dass gut ausgebildete Bauern besser wirtschaften als solche, denen Schreiben und Lesen schwer fällt.

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