Boxen : Ausstellung: Rundköpfe und Spitzköpfe prominenter Wegbegleiter

Christiane Peitz

Die Dame mit dem blauen Hütchen hat Armin Mueller-Stahl bei einer Lesung in der Villa Aurora in den Hügeln hinter Hollywood entdeckt, dort, wo Martha Feuchtwanger einst ihren legendären Sherry kredenzte. Sir Laurence Olivier als Richard III. sieht Harvey Keitel ziemlich ähnlich. Dicke Männer mit runden Gesichtern halten eine Versammlung ab. Ein Clown mit roter Nase. Überall Figuren, Typen, echte Kerle: Kollegen und Freunde, Charles Laughton, Henry Miller, Fassbinder. Nicht das Detail zählt, sondern die Haltung, die Momentaufnahme. Die Organistin in der kleinen Kirche bekommt einen breiten schwarzen Pinselstrich zur Seite, der ihr den krummen Rücken stärkt. Das engelsgleiche Wesen, dessen Wange sich an eine Geige anschmiegt, ist ganz Traumgesicht. Das Antlitz des Todes dagegen bleibt leer.

Wer den Schauspieler Armin Mueller-Stahl kennt, weiß, dass er ein guter Beobachter ist. Auf seinen Skizzen und Gemälden kann man sehen, wie er beobachtet. Er tut es schnell, wie seine Großmutter, von der er das Talent geerbt hat. Halte dich nicht mit dem Hut auf, hat die Großmutter gesagt, sonst verpasst du den Menschen. So erzählt er es an diesem Abend im Potsdamer Filmmuseum und bekennt seine Vorliebe für die Expressionisten, ihre Ungeduld und die Kraft des Zufalls.

Armin Mueller-Stahl ist ein malender Amateur im besten Wortsinn. Amateur, das heißt auch: Liebhaber. Seit 50 Jahren spielt er nicht nur im Theater, im Film und im Fernsehen, er schreibt außerdem Verse und Bücher, singt Chansons, spielt Geige und malt sich seine Freuden, seine Gespenster, seine Wut von der Seele. Ein Selbstporträt als Narr, mit langer Nase: "So sehe ich aus nach den Nachrichten", steht daneben. Der Golfkrieg, damals in New York, als er mit Jim Jarmusch "Night on Earth" drehte. Oder der Kosovo-Krieg. Das sind die Momente, in denen er zeichnet. Mal wirft die Wirklichkeit zarte Schatten, mal erscheint sie in grellen Farben, als giftiges Grün oder teuflisches Violett. George Grosz steht Pate, manchmal auch Chagall.

Die jüngsten Porträts hat Mueller-Stahl auf Drehbuchseiten skizziert, auf dem Set von Heinrich Breloers "Die Manns". Bilder, die ihm nicht gelingen, übermalt er mit frischen Farben; so sind manche mit aktuellem Datum eigentlich Jahrzehnte alt. Und die Gedichte aus seiner Zeit an der Berliner Volksbühne hat er mit neuen Gestalten umgeben, damit der Blick zurück sich nicht im Zorn erschöpft. Nicht die teure Leinwand ist seine Grundlage, sondern der Zeichenblock. "Meine Kladde ist ein Stück Heimat", sagt Armin Mueller-Stahl, der Ostpreuße aus Tilsit, den es immer weiter in den Westen bis nach Los Angeles verschlug. Vor 20 Jahren hat er gewettet: Wenn Gott ihm ein langes Leben schenkt und er 70 Jahre alt wird, stellt er seine Bilder aus, egal, was sie taugen. Schön, dass er seine Wette so schnell eingelöst hat, sechs Wochen nach seinem Geburtstag.

Armin Mueller-Stahl. Skizzen, Porträts, Begegnungen. Filmmuseum Potsdam, bis 18.3. In dieser Zeit zeigt das Museum außerdem sechs Filme mit Mueller-Stahl. Genaueres unter www.filmmuseum-potsdam.de .

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