Boxen : Authentische Atmosphäre soll Nazigreuel in Sachsenhausen besser begreifbar machen

CLAUS-DIETER STEYER

ORANIENBURG .Die Gedenkstätte Sachsenhausen nördlich Berlins steht vor der größten baulichen Veränderung in ihrer fast 30jährigen Geschichte.Ein am Mittwoch in Oranienburg vorgestellter Architektenentwurf sieht die weitgehende Rückkehr zu den authentischen Spuren des Konzentrationslagers vor.Die Gedenkstätte soll wieder ein Lernort mit historischen Quellen werden.Gravierende Veränderungen während der DDR-Zeiten werden teilweise beseitigt oder abgeschwächt.Der 32 Meter hohe Obelisk bleibt erhalten.Dagegen wird die den Appellplatz umgebene Ringmauer mit den stilisierten Barackenstandorten abgerissen, die Skulptur vor dem Mahnmal versetzt und parkähnliche Wege durch das KZ-Gelände beseitigt.

Professor H.G.Merz aus Berlin gewann den Architektenwettbewerb, an dem sich namhafte Büros aus dem In- und Ausland beteiligten.Er hat bereits die Rekonstruktion der durch einen Brandanschlag 1992 stark beschädigten jüdischen Baracken 38 und 39 geleitet.Kern seiner Vorschläge für die Neugestaltung der Gedenkstätte ist die Vernichtungsanlage "Station Z".Der letzte Buchstabe des Alphabets war von den Architekten des "Konzentrationslagers der Reichshauptstadt" nicht zufällig gewählt worden.Der Turm über dem Eingangstor mit dem Spruch "Arbeit macht frei" erhielt die Bezeichnung "A".Zehntausende Menschen sind bis 1945 in der Station "Z" erschossen, vergast und verbrannt worden.Heute stehen unter einem riesigen Betondach nur noch Ruinen der Öfen und der Erschießungsstätten.

Die Anlage war gegen den Widerstand der kommunistischen Häftlinge aus bis heute nicht restlos geklärten Gründen gesprengt worden.Möglicherweise stand sie den Plänen der Kasernierten Volkspolizei als NVA-Vorläufer im Wege, an dem sensiblen Ort einen Schießgarten einrichten zu wollen, erklärte Gedenkstättenleiter Günter Morsch.Eine andere Theorie führt die Sprengung auf den Machtkampf zwischen ehemaligen KZ-Häftlingen und den Exilanten an der Spitze der SED zurück.Der Widerstand führte immerhin zum Entschluß, einen Teil der gesprengten Öfen des ehemaligen Krematoriums wieder aufzubauen.

"Dennoch ist die 1989 vorgefundene Architektur der Gedenkstätte Ausdruck der politischen Anschauungen der damaligen Herrscher", sagte Kulturminister Steffen Reiche."Ich selber habe trotz meiner vielen Besuche erst sehr spät die ganze Dimension des Lagers erkannt.Zuviel war verändert, zerstört und instrumentalisiert worden." Die Nationalen Mahn- und Gedenkstätten seien zu DDR-Zeiten oft mit "Kirchen im Sozialismus" verglichen und für die Ideen der Machthaber instrumentalisiert worden.Reiche warnte vor einem Ost-West-Konflikt in der gewiß nicht einfachen Diskussion über die Neugestaltung von Sachsenhausen.

Wie stark DDR-Architekten die Eindrücke vom Lagerleben teilweise ins Gegenteil verkehrten, wird gerade bei der Vernichtungsstation "Z" deutlich.Die Mauer zur Abtrennung vom übrigen Lager ist verschwunden.Wer hier als zum Tode verurteilter Häftling den Eingang passierte, konnte nicht mehr zurück.Es gab keinen Bezug nach außen.Der heute mögliche Blick nach Oranienburg war schon gar nicht möglich.Jetzt aber gleicht die Ruine der Vernichtungsanlage einem Teil einer Parkanlage.

Die Station "Z" soll ein besonderer Ort des Gedenkens an die Opfer des Konzentrationslagers werden.Die Umbauung der Originalzeugnisse bleibt im Inneren leer.Nur die Mauer wird Informationstafeln tragen.Mit den ersten Bauarbeiten soll möglichweise schon im nächsten Jahr begonnen werden.Bei Bund und Land müssen als Träger der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die Gelder noch beantragt werden.Mehrere Millionen Mark sind erforderlich.

Mord im Maschinentakt

"Station Z" illustriert pervertierte Tötungsmethoden der Nazis

ORANIENBURG (Ste).Schilder vor der ehemaligen Vernichtungsstation "Z" warnen vor dem Betreten wegen Einsturzgefahr.So wie diese Anlagen befinden sich die meisten Bauten in Sachsenhausen in einem desolaten Zustand.Schrittweise konnten seit 1990 Verbesserungen erreicht werden.Die jetzt bevorstehende Neugestaltung der Station "Z" wird von der Gedenkstättenleitung deshalb als so wichtig eingeschätzt, weil hier die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten deutlich wird.

Im Sommer 1936 begannen die Arbeiten für das KZ Sachsenhausen.Für über 200 000 Menschen war das Lager Ort unbeschreiblicher Leiden.Die Häftlinge kamen aus 40 Nationen, politisch und rassisch Verfolgte, Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Homosexuelle, sogenannte Arbeitsscheue und Verbrecher.Zehntausende überlebten das Lager nicht.Die Architektur glich einem Dreieck, das sich auch auf der Häftlingskleidungen abgebildet war.

Im Dezember 1941 wurde der Befehl zum Bau der Station "Z" gegeben, die im Mai 1942 fertig war.Der für die Erschießung von Kriegsgefangenen genutzte Holzschuppen wich einem einstöckigem Steinbau mit Auskleideraum, einer Gaskammer und Genickschußanlage.Zwischen dem 3.September 1941 und dem 16.November 1941 waren auf dem Gelände etwa 12 000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen worden.

Die erste Mordaktion in der neuen Genickschußanlage der Station "Z" fand am 28.Mai 1942 statt.96 jüdische Häftlinge, die direkt aus Berlin zum Industriehof transportiert worden waren, kamen ums Leben.Vermutlich ab 1943, eventuell schon 1942, bestand die Gaskammer, die durch installierte Duschköpfe als Bad getarnt war.Im Februar 1945 erschoß hier das SS-Kommando Moll im Rahmen der "Alarmstufe Scharnhorst" über 100 Menschen, darunter Gefangene mit militärischen Kenntnissen wie sowjetische Offiziere, 20 luxemburgische Polizisten und sieben englische Kriegsgefangene.

Als Hinrichtungsstätte hatte die Station "Z" in den ersten Jahren eine untergeordnete Bedeutung.Das KZ ließ hier vor allem tausende Leichen verbrennen.Erst bei der Auflösung des Lagers wurden viele hundert Häftlinge vergast und erschossen.Erst 1996 wurde in der Umgebung der Anlage ein "Knochenweg" entdeckt, der mit der Asche von Ermorderten angelegt und später verschüttet worden war.

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