Boxen : Authentische Orte des Schreckens als Gedenkstätten

THORSTEN METZNER

Für die Gedenkstätten und Museen, die in Brandenburg und Berlin an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern, fehlt ein abgestimmtes Gesamtkonzept.Dies hat der Direktor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, Professor Julius Schoeps, am Freitag in Potsdam kritisiert.Er sprach sich gegen den Wiederaufbau der alten jüdischen Synagoge in Potsdam aus, der von der Jüdischen Gemeinde und dem brandenburgischen Kulturminister Steffen Reiche (SPD) und der Stadtverordnetenversammlung befürwortet wird.Schoeps wandte sich gegen ein isoliertes Holocaust-Denkmal allein in Berlin.

"Es geht nicht, daß Nicht-Juden Juden ein Mahnmal setzen", erklärte der deutsch-jüdische Wissenschaftler, der auch Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Wien ist.Durch die Eingrenzung auf die ermordeten Juden bestehe zudem die Gefahr der Hierarchisierung der Opfergruppen der NS-Herrschaft.Den Eiserman-Entwurf lehnte Schoeps als "interessantes Projekt, aber nichtssagend" ab.Er teilte die Auffassung des brandenburgischen Kulturministers Steffen Reiche, statt eines Neubaus die authentischen Orte des Schreckens, als die Gedenkstätten in den früheren Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück zu fördern, die an immer knapperen Zuwendungen leiden.Schoeps befürwortete ausdrücklich die vom neuen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, als Alternative für das Holocaust-Denkmal vorgeschlagene Ansiedlung der Shoah-Stiftung, die Tausende Holocaust-Überlebende interviewt hat und auf den Spielberg-Film "Schindlers Liste" zurückgeht.Allerdings sollte die Shoa-Stiftung nach Ansicht von Schoeps nicht am Brandenburger Tor, sondern im neuen Jüdischen Museum Berlins untergebracht werden."Das ist der richtige Ort".Es könnte eine gute Aufgabe für Naumann sein, das so erweiterte Jüdische Museum, die "Topographie des Terrors", die "Wannsee-Villa" und die in Brandenburg liegenden Gedenkstätten Ravensbrück und Sachsenhausen konzeptionell miteinander zu verzahnen.

Mit Blick auf den bevorstehenden 60.Jahrestag der Nazi-Pogrome am 9.November widersprach Schoeps auch Auffassungen, wonach in Brandenburg antisemitische Einstellungen weit verbreitet seien.Es gebe im Land sicher Probleme mit Ausländerfeindlichkeit."Ich halte es nicht für Antisemitismus", sagte Schoeps, der auch das Beispiel der Gemeinde Gollwitz einschloß, die den Zuzug jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion abgelehnt hatte.Diese Zuwanderer sind es, die die in den letzten Jahren in Potsdam, Cottbus und Frankfurt neu gegründeten Jüdischen Gemeinden Brandenburgs prägen.Insgesamt gibt es in Brandenburger jüdischen Gemeinden 600 Mitglieder.

Schoeps schätzt, daß 60 Prozent der nach Deutschland übersiedelnden jüdischen Zuwanderer auch Mitglied in den Jüdischen Gemeinden werden."Über kurz oder lang, wird es in Deutschland ein neues deutsches Judentum geben, daß seine kulturellen Wurzeln im Osten hat", lautet die Prognose von Schoeps, der selbst Mitglied der Berliner jüdischen Gemeinde ist.

Dieser Wandel in der kulturellen Prägung der jüdischen Gemeinden ist auch der Grund, weshalb sich Schoeps gegen den geplanten Wiederaufbau der in der Pogromnacht abgebrannten Potsdamer Synagoge ausspricht.An deren Stelle steht heute ein zu DDR-Zeiten errichtetes Wohnhaus."Es ist eine neue jüdische Gemeinde - sie sollte sich eine neue Synagoge an anderer Stelle bauen", sagte Schoeps.Man könne nicht eine Tradition fortsetzen wollen, die praktisch nicht mehr da sei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar