Boxen : Bahn frei nach Polen: Frankfurter stimmen über Tram ab

Bürger dürfen sich zum Straßenbahn-Projekt über die Oder äußern. Entscheiden dürfen sie nicht

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Diese Schlagzeile wäre einmalig: „Mit der Straßenbahn ins Nachbarland“. Ob sie einmal geschrieben wird, hängt von einer Entscheidung am morgigen Sonntag ab. Dann sollen die Einwohner von Frankfurt (Oder) abstimmen, ob ihr Straßenbahnnetz ins polnische Slubice verlängert werden soll.

Das Stadtparlament hatte sich zu dieser Bürgerbefragung angesichts der erwarteten Baukosten für die 3,6 Kilometer lange Strecke verständigt. Der Eigenanteil der Stadt wird rund 800 000 Euro betragen. Insgesamt kostet der rund einen Kilometer lange Abschnitt auf deutscher Seite zwar 3,2 Millionen Euro, doch den Großteil der Summe sollen EU und das Land Brandenburg tragen. In gleichen Größenordnungen rechnet Slubice für seinen Abschnitt, obwohl der länger wird.

Bis 1945 verkehrte auf der Oderbrücke eine Straßenbahn. Sie verband die Stadtmitte mit der Dammvorstadt auf dem östlichen Oderufer. Die fiel nach dem Krieg wie viele andere Gebiete an Polen, die Straßenbahnverbindung riss ab. An der Zweckmäßigkeit ihrer Wiederherstellung zweifeln viele. Die Strecke sei viel zu kurz und über die Oderbrücke könne man bequem zu Fuß gehen, heißt es in Frankfurt. Außerdem brauchen zahlreiche Deutsche ihr Auto in Polen – für das Füllen des Tanks mit billigerem Sprit. Und der rund zwei Kilometer von der Oderbrücke entfernte Basar wird nicht von der neuen Straßenbahnlinie bedient. „Der Basar spielte in unseren Überlegungen nie eine große Rolle“, sagt ein Sprecher der Slubicer Stadtverwaltung. Dort gebe es immer weniger Kunden. „60 Prozent der Deutschen, die in Frankfurt die Grenze für einen Tagesausflug in der Nachbarschaft passieren, nutzen für ihre Einkäufe inzwischen Fachgeschäfte, Supermärkte, Handwerker, Optiker .“ Die befänden sich im Stadtzentrum. So können auch künftig die hinter der Brücke wartenden Taxifahrer ihre Geschäfte mit den Besuchern des Basars machen. In Frankfurt (Oder) besuchen auch 1500 polnische Studenten die Europa-Universität Viadrina. Sie wohnen in Slubice. Die Straßenbahn soll ihnen durch eine eingleisige Schleife mit sechs Haltestellen den Weg erleichtern.

Für die Frankfurter Stadtverwaltung zählen neben der Symbolik einer grenzüberschreitenden Verbindung knallharte wirtschaftliche Berechnungen. Die Grenzstadt leidet unter dramatischer Abwanderung. Von jetzt 65 000 Frankfurtern bleiben im Jahr 2015 noch 55 000 übrig, sagen Prognosen. In Slubice soll die Einwohnerzahl in einem Jahrzehnt von 17 000 auf fast 25 000 Menschen steigen. „Das sind auch potenzielle Fahrgäste, die wir hier unbedingt brauchen“, erklärt Andreas Rein von der Stadtverwaltung.

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