Bergbaurevier der Lausitz : Niedergang und neuer Stolz

Die Zahlen sprechen für sich: Von 80 000 Bergleuten blieben 5000, von 17 Tagebauen arbeiten noch fünf, und im Tourismus stieg die Zahl der Beschäftigten von 0 auf 1000. In kaum einer anderen ostdeutschen Region hat ein derart gewaltiger Umbruch stattgefunden wie im Lausitzer Braunkohlerevier.

von

Wer durch Städte wie Lauchhammer, Elsterwerda, Senftenberg oder Finsterwalde fährt, spürt die große Leere. Selbst die Rentner wandern aus und ziehen ihren Kindern und Enkeln in Richtung Westen hinterher, weil diese sich erst im Job und dann in der neuen Umgebung längst eingerichtet haben und nie zurückkehren werden. In Lauchhammer, wo 7500 Leute in der Kohleveredelung arbeiteten, sank die einst bei 24 000 liegende Einwohnerzahl auf fast die Hälfte.

Umso mehr verdienen die Ideen Respekt, die Flutung der aufgegebenen Tagebaue als Chance zu begreifen. Zwar werden die als „liegender Eiffelturm“ beschriebene Förderbrücke „F 60“ bei Finsterwalde, die Biotürme in Lauchhammer, die Boots-, Rad-, Skaterverleihe, die Hotels, die nachgebaute Slawenburg Raddusch oder die neuen Häfen nie die nach 1990 verschwunden Arbeitsplätze ersetzen können. Aber das künftig aus 30 Seen bestehende Revier hat einen Image- und daher Mentalitätswechsel so gut wie geschafft. In die nach wie vor weit verbreitete Resignation mischt sich mehr und mehr Stolz, sogar Selbstbewusstsein. Denn hier haben die Einheimischen im Unterschied etwa zu den glanzvollen Ostseebädern Mecklenburg-Vorpommerns alles selbst gemacht. Sie bewahrten besagte „F 60“ vor der Verschrottung, setzten ein beispielloses Radwegenetz durch, entwickelten nach der Absage westdeutscher Investoren eigene schwimmende Häuser für Eigentümer und Feriengäste, planten Stadthäfen, bauten Weinberge auf Kippenflächen und forderten selbst die anfangs skeptisch betrachtete Internationale Bauausstellung zu immer neuen Visionen heraus.

Längst kann die Tagebauregion nicht nur wegen der bizarr geformten Landschaft für Ausflüge empfohlen werden. Da glänzt die älteste deutsche, dennoch fast unbekannte Gartenstadt Marga bei Senftenberg wie ein Juwel, lassen sich die schon fast fertigen Seen mit schnellen wie auch gemütlichen Booten erkunden oder gelb-rot schimmernde Wüsteneien mit dem Geländewagen durchstreifen.

Das nun startende Kunstprojekt mit hunderten Laienschauspielern in den aktuellen und aufgegebenen Tagebaurevieren könnte ein zusätzlicher Anreiz für eine Stippvisite in der Lausitz sein. Daher erscheint es umso unverständlicher, dass keine touristischen Pauschalangebote mit Übernachtungen, Jeep-Safaris oder Exkursionen angeboten werden. Bei aller Entdeckerfreude der Ausflügler sind die Orte und Wege im Brandenburger Süden doch zu unbekannt. Hier wurden die professionellen Touristiker vom Enthusiasmus der Lausitzer offenbar völlig überrascht.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben