Boxen : Berliner Großflughafen: Lauter als Pauken und Trompeten

Christian Domnitz

Ein tösendes Krachen zwischen Trompete, Tuba und Triangel: Möglicherweise müssen die Macher der "Musikantenscheune" bald ein neuen, sehr eigenwilligen Interpreten in ihrem Blechbläser-Ensemble einplanen - das Düsentriebwerk. Etwa alle zwei Minuten wird es einen Einsatz haben: So oft sollen die Flugzeuge über den herausgeputzten "Kuhstall" von Schloss Diedersdorf rauschen. Das steht in den Ausbau-Plänen der Schönefelder Flughafenbetreiber, die das Brandenburger Verkehrsministerium gerade prüft.

Die "Musikantenscheune" ist ein Quotenbringer - vier Millionen ARD-Zuschauer und 100 000 ORB-Gucker lassen den Fernseher nach der Tagesschau weiterlaufen, wenn die bierseligen Volkslied-Sänger auf dem Programm stehen. Mit der Show könnte es vorbei sein, wenn die Flughafen-Pläne verwirklicht werden. "Musikantenscheune"-Moderatorin Petra Kusch-Lück erinnert sich, dass schon im letzten Jahr ein Sänger-Interview auf dem Hof des Schlosses wegen Fluglärms nachgedreht werden musste. Der ausgebaute Flughafen Schönefeld würde im Jahr 2007 einen Kilometer an Diedersdorf heranrücken, größere Flugzeuge als heute würden über das Schloss fliegen, zehnmal öfter als jetzt. Die Lärmspitzen erreichten dann 75 Dezibel, das wäre so, als ob sich der Diedersdorfer Anger in eine Autobahn verwandelte. Die "Musikantenscheune" darf hingegen nur bis 65 Dezibel aufdrehen.

ORB-Sprecherin Claudia Hempel glaubt nicht, dass die Pauken und Trompeten der "Musikantenscheune" im Fluglärm untergehen: "Wir haben gute Mikrofone, die werden mit Störeinflüssen fertig", sagt sie. Obwohl "auch gerne mal ein Schwenk draußen" gedreht würde, will sie Spekulationen vermeiden und redet von "ungelegten Eiern". Der ORB, während der Drehtage Mieter im Schloss Diedersdorf, werde die "Musikantenscheune" dort weiterhin drehen.

Schloss Diedersdorf, das ist das frisch getünchte Landgut zwischen Großbeeren und Schönefeld: Ein neuzeitlicher Herrenhof zwischen Äckern und Einfamilienhäusern, an den Wochenenden werden hier "Erntedank", "Markttag", Kirmes und das Oktoberfest gefeiert. Und hier dreht der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg seine monatliche Volksmusik-Parade. Musiker in Lederhose, Sängerinnen mit Spitzenröckchen: Sie tragen Namen wie "Die Klostertaler", "Geschwister Hoffmann" und "Die Gschwandtner". Leichte Melodien vom Band, 300 zumeist ältere Menschen, im Takt klatschend, vor ihnen 300 Bierkrüge auf rustikalen Holztischen: Das ist die "Musikantenscheune aus dem Brandenburger Land". Hier singt man "Rosamunde", "Ach Egon, ich bin ja nur aus Liebe zu dir so tief gesunken" oder "Ja, wenn wir alle Englein wären, dann wär die Welt nur halb so schön". Ein Rentnerpaar aus dem Seniorenclub Drebkau bei Cottbus lobt die "klasse Stimmung": Er trinkt Bier, sie singt mit. Die Lieder kennt sie aus ihrer Schulzeit.

Am schlimmsten würde es bei Ostwind: Dann donnern die landenden Flieger nur 500 Meter hoch über die aus Feldsteinen gebaute "Alte Schmiede" mit dem historischen Blasebalg fürs Schmiedefeuer und den Geranien auf der Fensterbank. Der Biergarten hinter dem Schloss, Fassungsvermögen 2000 Personen, würde im 70 Meter langen Schatten eines Jumbo-Jets komplett verschwinden. Nicht besser wird es bei Westwind: Weil die Jets dann über Diedersdorf steil durchstarten, fliegen sie zwar höher, ihre Triebwerke aber machen um so mehr Krach. Der Taubenturm ist jetzt schon leer: Zumindest das Federvieh käme den Vögeln aus Stahl nicht in die Quere.

Schloss-Eigentümer Thomas Worm hat eine Beschwerde zu den Flughafenplänen eingereicht: Er sieht die Existenz seines Guts bedroht: "Wer will denn in einem Biergarten sitzen, über den ständig Flugzeuge fliegen?" 20 Millionen Mark habe er dort seit 1990 investiert, Kredite müssten abbezahlt werden, die Fixkosten seien hoch. Da drohten schnell die roten Zahlen. Er ist sauer: "Wie soll ich denn auf dem Schloss Hochzeiten ausrichten, wenn die Eheleute nicht mal ihr Jawort verstehen?"

Die Dorfbewohner sind geteilter Meinung, wenn es um das Schloss Diedersdorf geht: Einige sagen, "wenigstens irgendwas" sei los hier, "sonst wäre das hier doch ein totes Dorf". Andere beschweren sich über den Müll: Eine Schloss-Pleite sei kein Verlust.

Ferdi Breidbach, der Diedersdorfer Berufs-Flughafengegner und Chef des protestierenden "Bürgervereins Berlin-Brandenburg", will die "Musikantenscheune" bewahren, auch wenn er sie nicht unbedingt mag: Er habe sie "nur mal zufällig" im TV gesehen: "Normalerweise schaue ich mir so etwas nicht an". Erhaltenswert sei die Sendung trotzdem, schließlich sei sie eine große Attraktion. Schloss Diedersdorf auch: Jeden Sonntagmorgen um halb elf gehe er zum Stammtisch im "Pferdestall" des Schlosses - ein Relikt aus der Zeit, als er Bürgermeister der Gemeinde Diedersdorf war. Er kämpft nicht für das Schloss, sondern für die Diedersdorfer Einwohner: "Ich will, dass hier gesundes Wohnen und Leben möglich bleibt."

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