Boxen : Bildungssenator will kein Handy-Verbot im Klassenzimmer

Schulen sollen selbstständig über Umgang mit Handys entscheiden. Eine einheitliche Regelung wie in Bayern soll es trotz drastischer Fälle nicht geben

Annette Kögel

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat jetzt an Berlins Lehrer und Schüler appelliert, den Umgang mit Handy und Internet im Unterricht noch stärker zu thematisieren. „Medienerziehung zieht sich durch alle Fächer der Berliner Schule, da muss auch über die Gefahren von gewaltverherrlichenden und pornografischen Darstellungen diskutiert werden“, sagt Böger. Ein generelles Handyverbot an Schulen – wie es Bayern gestern beschloss – will der Senator aber nicht aussprechen.

Berlin stärke die selbstständige Schule, an jeder Lehranstalt sollten Pädagogen mit den Jugendlichen deshalb selbst darüber diskutieren, Einsicht wecken und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen. Zudem müssten die Eltern stärker in die Verantwortung genommen werden, aber auch die Mobilfunkanbieter selbst, hieß es bei der Schulverwaltung. Die Berliner Bildungsexperten aller Fraktionen sind ebenfalls gegen ein generelles Verbot von oben. Allerdings sprach sich gestern Frank Rudolph, Vorstandsmitglied des Berliner Philologenverbands, für ein berlinweites Ausschalten von Handys in Schultaschen aus.

Nach Auskunft von Bettina Schubert, Anti-Gewalt-Expertin der Bildungsverwaltung, wurden seit vergangenem Sommer 14 Vorfälle an Schulen mit dem Gebrauch oder dem Diebstahl von Handys bekannt, bei denen zumeist auch die Polizei eingeschaltet wurde. Da schlug und trat ein Sonderschüler an der Grundschule um sich und drohte seine Lehrerin, die ihm das Handy abnahm, umzubringen. Ein Grundschüler zeigte einem Mädchen die Aufnahme seines Geschlechtsteils, um sie zu provozieren, andere Jungen zogen einem Mitschüler die Hose herunter und dokumentierten das. Bettina Schubert: „Die Kinder zeigen sich Bilder von abgehackten Köpfen als Mutprobe, um zu sehen, ob sich der andere übergibt.“

Immer ginge es darum, sich selbst zu stärken, Geltung zu erfahren. Die pädagogische Schlussfolgerung für den Schulalltag sieht Bettina Schubert aber nicht darin, die Technik zu verdammen, sondern „auch zusammen mit den Eltern einen Konsens darüber zu finden, dass solch menschenverachtende Dinge nicht geduldet werden“. Mit Handy zeigen sich schon Grundschulkinder Pornos, die sie aus dem Internet heruntergeladen haben. Auch das ablenkende Klingeln und Summen, der Ärger durch Handy-Diebstahl, finanzielle Probleme für die Besitzer durch Prepaid-Kartenkosten sowie die ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit durch die moderne Telekommunikation beschäftigt Pädagogen zunehmend.

Werner Munk, Schulleiter der Reinhardswald-Grundschule in Kreuzberg, berichtet von einer alarmierenden „Happy-Slapping“-Szene auf seinem Schulhof. Bereits im vergangenen Herbst wurde ein Kind von einem anderen geschlagen, weil Mitschüler das filmen wollten. Schon davor war das Anschalten der Mobiltelefone im Schulgebäude untersagt, nach dem Vorfall wurde das Nutzungsverbot auf das gesamte Schulgelände ausgedehnt. „Wir sollten aber nicht die Kinder kriminalisieren, sondern damit wie mit einem pädagogischen Problem umgehen“, sagt Munk. Die beteiligten Schüler seien damals geschlossen von einer anderen Schule übergewechselt, die älteren Brüder und Cousins der Kinder arabischer Herkunft seien den Jüngeren schlechte Vorbilder gewesen. Jetzt hielten sich alle an die Regeln.

Tschetschenische Hinrichtungsszenen, Kriegsszenen – solche Bilder und Videos dürften auf keinen Fall geduldet werden. Wenn aber Kinder sich Provokatives aus dem Internet laden und weitergeben, „ist das oft einfach pubertäres Verhalten, weil sie sich Bestätigung holen und erwachsen wirken wollen“, sagt Munk. Er sieht aber auch in Müttern, die ihr Kind per Kontroll-SMS gängeln, ein Problem.

Am Hermann-Hesse-Gymnasium wiederum kam es vor, dass Schüler Lehrer im Unterricht filmten und die Bilder ins Netz stellten. An der Wilhelm-Busch-Schule in Wedding werden längst alle Handys vor der ersten Stunde in einem Karton eingesammelt. Wer dringend telefonieren muss, kann das im Sekretariat. Lehrer dürfen nun aber nicht etwa auf Verdacht Bilder und Nummern von Schülerhandys kontrollieren. Das lehnt Elternvertreter André Schindler schon allein wegen des Eingriffs ins Persönlichkeitsrecht ab. So etwas darf nur die Polizei, und nur bei einem konkreten Verdacht.

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