''Biorama'' : Für Augen und Ohren: Joachimsthal

Mit Panoramablick bis nach Berlin, einem Hörspielbahnhof und Kultur: In Joachimsthal in der Schorfheide steht ein ganz besonderer Aussichtsturm.

Claus-Dieter Steyer[Joachimsthal]
Turm
Aufsteiger. Das Dach des Turms dient als Aussichtsplattform, unterhalb davon wohnen die Eigentümer. Links ist der neu gebaute...Foto: Claus-Dieter Steyer

Sie lieben ihre englische Heimat, haben alle Kontinente bereist, für internationale Konzerne gearbeitet, im Großstadtgewühl Berlins gelebt und sich dann doch für den kleinen Ort Joachimsthal in der Schorfheide entschieden. Hier nennen sie einen ganz besonderen Aussichtsturm ihr Eigen, der als „Biorama“ Gäste aus nah und fern anzieht. „Mein Mann Richard hat den alten Wasserturm vor einigen Jahren auf einer Radtour entdeckt“, erzählt die frühere Managerin Sarah Philipps. „Irgendwann erinnerte er sich daran und machte plötzlich große Pläne: Von oben müsste man doch einen phantastischen Ausblick genießen können, so glaubte er.“ Das Paar war nicht mehr zu bremsen. Mit Hilfe von rund 240 000 Euro Fördermitteln der EU machten die beiden ihren Traum vom „Biorama“ wahr.

Per Fahrstuhl gelangen die Besucher heute auf die große Aussichtsplattform in 22 Meter Höhe und blicken in eine faszinierende Landschaft. Bei klarer Sicht soll sogar der 70 Kilometer entfernte Berliner Fernsehturm am Horizont zu erkennen sein. Das verspricht jedenfalls die Karte, die jeder Gast im kleinen Info-Zentrum erhält. Auf das Angebot, ein Fernglas mit nach oben zu nehmen, sollte nicht verzichtet werden. Unter den Gästen gibt es mitunter Diskussionen, wo sich denn der bekannte Werbellinsee versteckt haben könnte. „Der liegt in einer Eiszeitrinne und hinter einer Hügelkette“, erklärt ein Einheimischer, den es immer wieder auf das Biorama zieht. „Vor uns breitet sich der nicht weniger reizvolle, aber nicht so populäre Grimnitzsee aus.“

Der Name Biorama ist leicht erklärt: „Wir liegen mitten im Unesco-Biosphärenreservat Schorfheide und wollen mit den Gästen mit unserem 360-Grad-Panorama den großen biologischen Schatz dieses Waldgebietes näher bringen“, sagt der Innenarchitekt Richard Hurding.

Die Plattform befindet direkt auf dem exklusiven Wohndomizil der beiden Eigentümer aus Großbritannien. Sie haben erkannt, dass sie ihren Turm ständig im Gespräch halten müssen: So engagierten sie Künstler aus vielen Ländern zu Open-Air-Auftritten, riefen ein Bauerntheater ins Leben und engagieren sich neuerdings für die Bewahrung alter Kartoffelsorten. „Die blauen oder violetten Exemplare gehören einfach zu unserer Geschichte und dürfen nicht vergessen werden“, meint Sarah Phillips.

Künftig soll Kultur sogar dauerhaft auf dem Hügel am Rande von Joachimsthal einziehen. Die sogenannte weiße Villa des Berliner Industriellen Rudolf Theodor Protz wird Künstlerquartier und Ausstellungsraum. Sicher erhält hier auch die Erinnerung an Protz selbst einen besonderen Platz. Er entwarf immerhin vor 130 Jahren für die Großstadt die ersten Toilettenhäuschen für beide Geschlechter. Eins davon stand auf dem Gendarmenmarkt. Er starb 1903 auf seinem Altersruhesitz in Joachimsthal. Nach dem zweiten Weltkrieg zog eine LPG hier ein.

Für andere Gebäude aus jener Zeit planen Sarah Philipps und Richard Hurding ein ganz anderes Projekt: In einer Designermanufaktur wollen sie Möbel aus Hanf, Papier und Flachs herstellen. Prototypen stehen schon.

Vom Aussichtsturm bietet sich ein Abstecher in den nahen Kaiserbahnhof an. Wo einst Wilhelm II. zu seinen Jagdausflügen aus- und einstieg, ist heute ein Hörspielbahnhof eingezogen. Im einstigen Wartesaal gibt es donnerstags, freitags, sonnabends und sonntags jeweils um 15 und 18 Uhr bei freiem Eintritt ganz unterschiedliche Hörspiele, freitags zusätzlich um 20 Uhr. Abends laufen in der Regel Krimis, während am Nachmittag vor allem Kinder willkommen sind.

Das Biorama in der Töpferstraße hat bis Ende Oktober donnerstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Ticket kostet einen Euro, für Kinder 50 Cent. Für den Sonnenuntergang können Plätze vorgebucht werden. Auskünfte unter Tel. 033361 /64931 und www.biorama-projekt.org

Der Kaiserbahnhof wird sonnabends um 17 Uhr bei Führungen vorgestellt. Programminfos unter Tel. 033361/86 66 oder www.hoerspielbahnhof-joachimsthal.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben