Boxen : Bleiglasfenster auf der Rückreise

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Frankfurt (Oder). Jetzt sind sie unterwegs, 111 Bleiglasfenster, sorgfältig verpackt, damit ihnen nichts passiert. Auf dem Seeweg sollen die kostbaren Scheiben nach Frankfurt (Oder) gelangen, wo sie 1945 von der Roten Armee aus der Marienkirche entfernt worden waren. Ausgangshafen war Sankt Petersburg, wo Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin sowie der neue Frankfurter Oberbürgermeisters Martin Patzelt und sein Vorgänger Wolfgang Pohl am heutigen Montag höchstpersönlich eine gute Reise wünschten. Fast 60 Jahre lagerten die Glasmalereien im weltberühmten Museum Eremitage in St. Petersburg, nun werden sie Anfang Juli in Frankfurt erwartet. Doch in die Freude darüber mischen sich kritische Töne.

Denn die Finanzierung der Restaurierungsarbeiten, des Einbaues und der notwendigen Aufwendungen für Sicherheit und Versicherung ist noch immer unklar. Zwar übernimmt der Bund die Kosten für den Transport bis an die brandenburgische Landesgrenze, lässt aber bei allen weiteren Maßnahmen die Stadt allein. Jetzt muss sich die Kommune um alles weitere kümmern. Patzelt sucht deshalb nach Sponsoren und versucht Drittmittel wie Lottogelder, Beträge aus der Städtebauförderung, der Bundeskulturstiftung oder der Deutschen Stiftung Denkmalschutz an Land zu ziehen. Der Bedarf ist hoch: Allein die Restaurierung der zwölf Meter hohen Fenster werde etwa eine Million Euro kosten, der Versicherungswert wird auf 2,2 Millionen Euro veranschlagt – entsprechend hoch werden die Prämien sein. Die vom Förderverein Marienkirche gesammelten Beträge reichen längst nicht aus.

Die Bleiglasfenster zeigen wie eine Bilderbibel, eine „Predigt ohne Worte“, die Schöpfungsgeschichte der Welt, das Leben von Adam und Eva, den Bau der Arche Noah, das Leben Christi und den Antichrist. Das Werk gilt unter Experten seiner hohen künstlerischen Qualität, seiner Größe und seines Stils wegen als einmaliges und bedeutendes Zeugnis der Kunstgeschichte. Nirgends sonst hat sich eine derartige mittelalterliche Darstellung der Antichrist-Legende erhalten. Wie bei der Finanzierung gibt es jedoch auch bei der Restaurierung noch offene Fragen. Zwar ist klar, dass gleich nach Ankunft der Fenster mit der Kartierung der Schäden begonnen werden soll, doch wer die zwischen 1362 und 1376 geschaffenen Scheiben wiederherstellen soll, steht noch nicht fest. Es gibt verschiedene Bewerber um den Job. Im Gespräch sind unter anderem Experten der Fachhochschule Erfurt, die langjährige Erfahrungen speziell mit mittelalterlichen Glasbildern haben. Für die Arbeiten wird ein Seitenflügel der Marienkirche zur Werkstatt umfunktioniert. Besucher werden dort aus Sicherheitsgründen keinen Zutritt haben. Allerdings soll kontinuierlich über die Arbeiten berichtet werden.

Die Marienkirche ist eine der größten fünfschiffigen Backstein-Hallenkirchen in Norddeutschland. Der im Krieg zerstörte Sakralbau wurde in den vergangenen Jahren teilweise restauriert und dient heute als Veranstaltungs- und Ausstellungsort. casp/dpa

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