Boxen : „Bomben im Bonsai-Format“

Die Vivantes-Rettungsstellen haben ihre Silvester-Statistik der Böller-Unfälle vom letzten Jahr vorgestellt In diesem Jahr will die Feuerwehr erstmals mit Streetworkern vor den Gefahren warnen

Adelheid Müller-Lissner

„Ein anständiger Feuerwerkskörper ist eine Bombe im Bonsai-Format“, sagt der Arzt Peter-Michael Albers. Der Sprecher der Vivantes-Rettungsstellen weiß, wovon er spricht, denn vor allem in der Silvesternacht sehen er und seine Kollegen die blutigen Folgen. Gestern stellte der Klinikkonzern gemeinsam mit Feuerwehr und Polizei erstmals konkrete Zahlen über Verletzungen durch Böller in Berlin vor: Zwischen Anfang Dezember 2006 und Mitte Januar 2007 wurden in den Kliniken insgesamt 106 Berliner verarztet, die eine Verletzung durch Pyrotechnik erlitten. Erfasst wurden anonymisierte, von Ärzten erhobene Daten aus allen neun Vivantes-Rettungsstellen. Insgesamt betreuen sie rund ein Drittel der Notfälle der Hauptstadt.

Junge Mitglieder einer DLRG-Gruppe demonstrierten gestern perfekt geschminkt die grausamen Verletzungen, die die Knaller und Raketen typischerweise verursachen. „Die Verletzungen sind oft heikel und ausgesprochen schwer zu behandeln“, erklärte Albers. In der Hälfte der Fälle hatten die Mediziner es mit Verbrennungen ersten und zweiten Grades zu tun. In den meisten Fällen sei der Kopf betroffen, gefolgt von den Händen. Weitere typische Verletzungen seien Hörschäden.

Für 50 Prozent der Verletzungen war beim letzten Jahreswechsel die Explosion eines Knallkörpers die Ursache, in 23 Prozent eine Rakete. Immerhin in sieben Prozent der Fälle war eine Waffe im Spiel, in fünf Prozent ein Batteriefeuerwerk. Bemerkenswert ist auch, dass sich in der überwiegenden Anzahl der Fälle nicht derjenige verletzte, der selbst mit dem Feuerwerkskörper hantierte.

Sieben von zehn Verletzten waren Deutsche, 16 Prozent Türken. Das typische Profil des Verletzten: Deutsch, männlich, etwa 20 Jahre alt. Typischer Ort der Handlung: der Bezirk Neukölln (24 Fälle), gefolgt von Kreuzberg (14 Fälle) und Prenzlauer Berg (10). Eine leichte Verzerrung der Statistik ergibt sich möglicherweise daraus, dass in diesen drei Bezirken die Vivantes-Krankenhäuser wichtige Anlaufstellen sind.

Schon im vierten Jahr bemühe man sich nun in der konzertierten Aktion „Finger weg von Böllern“ um Aufklärung, berichtete Landesbranddirektor Wilfried Gräfling. „Wir glauben, dass wir einigen Erfolg erzielt haben. Aber es wachsen Jüngere nach, die die Gefahren nicht richtig einschätzen.“ In Flyern warnt die Feuerwehr deshalb unter anderem davor, Böller in Räumen zu zünden, sie in den Händen zu halten, Blindgänger erneut anzuzünden oder Böller unkontrolliert wegzuwerfen und dadurch andere Menschen in Gefahr zu bringen.

Neben den zweisprachig deutsch-türkischen und deutsch-arabischen Flyern sowie großen und kleinen Plakaten, für die die BSR und die Firma Wall als Sponsoren fungieren, werden jetzt erstmals 30 Arbeitsuchende mit Migrationshintergrund im Rahmen eines Projekts der Bundesagentur für Arbeit als Streetworker eingesetzt. Die Mitwirkenden, die von der Feuerwehr geschult wurden, werden vor allem nach dem 28. Dezember in Neukölln und Kreuzberg mit Infoständen präsent sein – sobald die Feuerwerkskörper offiziell verkauft werden dürfen.

Auf der website www.schmerzfrei-boellern.de gibt es Tipps zum richtigen Umgang mit Feuerwerk.

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