Brandenburg : Abwasserkrieg in Rauen

Was passiert einer Brandenburger Familie, deren Haus kein Abwasser produziert? Es wird zwangsweise an die Kanalisation angeschlossen.Und was passiert, wenn die Familie sich wehrt? Schlimmes. Nun ist die Politik gefragt.

Thorsten Metzner
Plenzke
Auf Barrikade: Thomas und Barbara Plenzke wehren sich gegen den Zwangsanschluss an die Kanalisation. -Thilo Rückeis

RaueEr hat die Arme verschränkt, den Blick gesenkt, zwei, drei ewige Minuten steht Thomas Plenzke so da, völlig in sich gekehrt, als nehme er um sich herum gar nichts mehr wahr. Nicht den Funkstreifenwagen der Polizei an der nächsten Ecke, nicht die gut 15 aus Brandenburger Dörfern angereisten Freunde und Bekannten, nicht das Team vom RTL-Fernsehen, das auf Bilder vom "Abwasserkrieg“ in der märkischen Provinz wartet. Und auch nicht die zwei Dutzend Kiefernstämme, die er vor seinem Haus als Barrikade stapeln ließ. "Zutritt verboten für Abwasserzweckverbände“, steht davor in roten Buchstaben auf einem weißen Schild.

Und: "Es ist gefährlich, Recht zu haben, wenn der Staat Unrecht hat." Ein paar Schritte weiter gestikuliert immer noch Tochter Lysan, 18 Jahre, die dem Vater vorhin zornbebend eröffnete: "Ich lasse niemanden herein. Dann müssen sie mich eben wegtragen." Thomas Plenzke sagt leise: "Das ist doch nicht normal. Und alles wegen dem bisschen Kacke."

Nirgendwo in Deutschland sind die Entsorgungsgebühren so hoch wie in Brandenburg

Eigentlich hat der Mann mit dem gelockten, grau gewordenen Haar, dieser sonst so ruhige, korrekte Typ, der in Berlin als Busfahrer arbeitet, der daheim Kaninchen, Lachshühner und Palmen züchtet, damit alles gesagt. Es geht um ein profanes unterirdisches Rohr, durch das Fäkalien fließen sollen, ein paar Meter lang, nicht einmal einen halben Meter Durchmesser.

Thomas Plenzke, 49 Jahre alt, und seine Frau Barbara, 47, sind Brandenburgs bekannteste "Abwasserrebellen". Sie weigern sich seit Jahren, ihr Grundstück in der Chausseestraße gleich hinter dem Ortseingang von Rauen, einem 2000-Einwohner-Dorf südöstlich von Berlin, dessen Wahrzeichen die "Markgrafensteine" sind, die ältesten Findlinge der Mark, an die zentrale Kanalisation anzuschließen.

Das ist noch nichts Ungewöhnliches in diesem Landstrich, wo vielerorts lange und heftig um Abwasser gestritten wurde, seitdem in den 90er Jahren landauf und landab riesige Kläranlagen und kilometerlange Überlandtrassen gebaut und mit Steuergeld gefördert worden waren, worauf die "Entsorgungsgebühren" stiegen und stiegen. Nirgendwo sonst in Deutschland sind sie so hoch wie in Brandenburg. Aber keiner der tausendfachen Konflikte ist derart eskaliert, derart außer Kontrolle geraten wie der Fall dieser Rauener Familie, die nicht aufgeben will, vielleicht auch nicht aufgeben kann.

"Mutter auf der Flucht"

An diesem brütenden Sommertag ohne ein Wölkchen am Himmel, an dem Thomas Plenzke vor der Garage in seiner Einfahrt wartet, wollen Vollstreckungsbeamte des Abwasserzweckverbandes Fürstenwalde mit einem gerichtlichen Pfändungsbeschluss und der Polizei anrücken. Seine Frau Barbara, gewissermaßen das abwasserpolitische Familienoberhaupt, ist nicht zu Hause.

Das haben ihr die Anwälte geraten und wohl auch ihr Instinkt. Sie weiß am besten, wie impulsiv sie ist, sie hätte "nicht mehr die Nerven" gehabt, dabei zu sein, ohne die Beherrschung zu verlieren, erzählt sie danach, am Telefon. Schlimm genug, dass die zermürbende Auseinandersetzung sie schon "krank gemacht" habe. Offiziell wohnt Barbara Plenzke auch nicht mehr hier. So weit ist es gekommen. "Um die Familie zu schützen", hat sie sich zu ihren Eltern umgemeldet, was mit den juristischen Scharmützeln zusammenhängt, den mittlerweile rund 30 laufenden Gerichtsverfahren, den nun gegen sie gerichteten Abwässeranschlusspfändungen, ein Katz- und Maus-Spiel, ein heilloses Durcheinander.

Als Barbara Plenzke tags zuvor den Reporter empfing, nicht ahnend, dass es 24 Stunden später wieder losgehen würde, als sie mit unruhigem Blick, im Stakkato-Tempo ihre Version der Geschichte erzählte, einen Aktenordner nach dem anderen herbeitrug, als sie zu entwirren versuchte, wie alles kam, da war sie gewissermaßen zu Besuch in den eigenen vier Wänden. Sie sei, so sagte sie verbittert, ein Kätzchen auf dem Arm, neuerdings eine "Mutter auf der Flucht". Und alles wegen der verdammten Brühe, um die sich in ihrem Leben mittlerweile alles dreht.

"Drei-Kammer-Pflanzenkläranlage mit Schönungsteich"

Der Ärger begann im Jahr 1999, als auch in Rauen eine zentrale Abwassertrasse geplant und gebaut wurde. Für andere im Ort war das ein Segen, für die Plenzkes, deren 3000 Quadratmeter großes Grundstück schräg gegenüber dem maroden, leerstehenden "Schützenhaus" auch erschlossen werden sollte, wurde es zum Fluch. In den 80er Jahren hatten sie sich da ihr Haus gebaut, Stein auf Stein, picobello, solide, zwei Etagen, ausgebautes Spitzdach. Er, der Installateur, der, wie das Leben manchmal so spielt, damals seine Lehre im Abwasserzweckverband absolvierte, dort eine Zeit lang gearbeitet hat, jenem Zweckverband ausgerechnet, der ihm später einmal den Schlaf rauben wird, und sie, die damals Fotolaborantin im Ost-Berliner Amt für Messwesen war. Sie hatten für sich und die gerade geborenen Töchter Steffi und Lysan ein Nest geschaffen.

Klar, dass in der regelwütigen Honecker-Republik auch kloakentechnisch alles seine sozialistische Ordnung haben musste. Also hatte Thomas Plenzke, so vereinbart mit dem Rat der Gemeinde am 3. Juni 1983, so erlaubt mit der "wasserrechtlichen Nutzungsgenehmigung" der Wasserwirtschaftsdirektion Oder-Havel vom 18. März 1986, eine eigene, kleine Kläranlage gebaut. Und was für eine, eine ziemlich ökologische sogar, gerade für damalige Verhältnisse, wenn auch aus dem Mangel geboren: Weil Wasser im Rauener Sommer immer knapp war, in dem etwas höher gelegenen Ort dann oft nur ein Rinnsal aus der Leitung rann, hielt man sich das geklärte Nass in einem Vorratsteich vor. Thomas Plenzke war ja vom Fach, er kannte sich aus.
 
So kam es dazu, dass mehr als ein Jahrzehnt später, als der Streit um die große, neue Leitung von Rauen losging und plötzlich horrende Anschlusskosten drohten, als bei anderen im Ort, deren Grundstücke bereits an die Kanalisation angeschlossen waren, schon mal stinkendes Wasser in den Kellern stand. Die Rohre liefen bei starkem Regen übervoll und die Gullys quollen über, ja so kam das, was für die Plenzkes nur folgerichtig war. Sie sagten Nein. "Wir dachten: Was soll der Unfug?", sagt Barbara Plenzke. Nicht im Traum wären sie darauf gekommen, was sie damit auslösen würden.

Es musste doch für jeden nachvollziehbar sein, dass es umweltfreundlicher und billiger ist, die "Drei-Kammer-Pflanzenkläranlage mit Schönungsteich" – was ganz nebenbei, eine Untertreibung für das plätschernde, blühende Gesamtkunstwerk im Plenzke- Garten ist – auf westlichen Standard zu modernisieren. Einen Standard, den ihnen später Experten anstandslos bescheinigen werden.
 
Bio-Kläranlage bringt dem Managment des Zweckverbandes kein Geld

"Es wurden keine die Umwelt negativ beeinflussenden Faktoren festgestellt. Einleitungen jedweder Art ins Erdreich unter dem Grundstück wurden nicht festgestellt", steht in einem Gutachten des Ingenieurbüros Conrad aus Woltersdorf vom September 2005. Oder der Hamburger Professor Ralf Otterpohl, Direktor des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der dortigen Technischen Universität, der in einer Stellungnahme am 26. November 2007 schreiben wird: Familie Plenzke habe "in vorbildlicher Weise eine Nutzung gefunden, die technisch sehr hochwertig ist und die Gewässerbelastung minimiert".

Womit wir beim Kern des Problems der Plenzkes wären, das im Grunde nur darin besteht, dass auf dem Grundstück dank einer für entlegene, dünn besiedelte Dörfer geradezu perfekten Bio-Kleinkläranlage, überhaupt kein Abwasser mehr übrig bleibt, was wiederum nicht sein kann, weil es nicht sein darf, jedenfalls nicht für den Zweckverband Fürstenwalde, ihren mächtigen Gegner in diesem Kampf.

Klärwerk des Zweckverbandes verrieselt Abwasser auf Feldern

Auch der Zweckverband hat, natürlich, seine Wahrheit, seine Perspektive, die allerdings eine formale, eine der Paragrafen, damit aber unerbittlich ist. Verbandschefin Gisela Scheibe, die auf einschlägige Gerichtsurteile verweist, die den Rummel um die Plenzkes leid ist und genervt, sich ständig verteidigen zu müssen, wiederholt es seit Jahren stereotyp. Der "Anschluss- und Benutzungszwang" gelte für jeden, und zwar "ohne Ausnahme".

Und daran ändere auch nichts, das ist ihre Logik, dass das zentrale Klärwerk des Zweckverbandes, einst ausgelegt für 48.000 Haushalte, das heute Abwässer von über 58.000 Haushalten klärt, die gereinigt und dann nahe dem Naturschutzgebiet "Müggelspree" auf Feldern verrieselt werden wie anno dazumal, sogar überlastet ist. Und just in dieses Klärwerk, das nur auf Grundlage einer Duldung, einer provisorischen Genehmigung der Umweltbehörden arbeitet, sollen nach dieser Logik partout auch noch die Abwässer der Familie Plenzke aus Rauen fließen.

Abwasserzweckverband mobbt Bürger

Was hat dieser Zweckverband nicht alles unternommen, um die Plenzkes zu besiegen: Er hat Kameras unterirdisch durch das Rohr auf ihr Grundstück geschickt, um nach Verstößen zu fahnden. Hat Auskünfte selbst bei der Rentenkasse eingeholt, Grundbücher eingesehen, um die finanziellen Verhältnisse der Familie zu erkunden.

Man hat Bußgelder über Bußgelder verhängt, sodass aus Summen Unsummen geworden sind. Allein die fälligen Anschlussgebühren, ein Bruchteil davon, liegen bei rund 3000 Euro. Man hat zuerst versucht, sie bei Thomas Plenzke zu pfänden, einmal sogar mit Erzwingungshaft. Das alles verjährte. Und nun also ein neuer Anlauf, das Ganze von vorn, jetzt eben bei Ehefrau Barbara Plenzke.
 
An jenem brütend-heißen Morgen, als Thomas Plenzke in seiner Einfahrt steht, fährt bald darauf auch eine schwarze Limousine vor, aus der drei Frauen steigen, zwei Vollziehungsbeauftragte und eine Anwältin des Zweckverbandes, alle in Weiß, alle ein Lächeln auf den Lippen: Sie haben den "Durchsuchungsbeschluss" wegen einer Pfändung gegen Barbara Plenzke dabei.

Polizei bedauert Amtshilfe

Auch die Polizei ist nun in der Einfahrt, mit einem uniformierten und zwei zivilen Beamten. Sie müsse, so heißt es bedauernd, Amtshilfe leisten. Beim letzten Mal hatte die Polizei genau das noch abgelehnt, weil selbst sie das Vorgehen gegen die Familie für übertrieben hält. Der Verband prompt verklagte daraufhin das Polizeipräsidium Frankfurt an der Oder. Dem wurde, sollte sich der zivile Ungehorsam wiederholen, ein Bußgeld von 10.000 Euro angedroht.
 
Dieses Mal erfüllt die Polizei ihre Pflicht friedlich, was freilich irgendwie so aussieht, als ob sie eher auf die drei Vollstreckerinnen aufpasst, die Thomas Plenzke trotz der Proteste seiner Tochter Lysan gerade widerwillig in sein Haus gelassen hat. Die Polizei hat auch überhaupt nichts dagegen, dass er im gleichen Atemzug alle Welt ringsum gleich mit hereinbittet, die 15 Freunde und Bekannten, das Fernsehteam. "Schaut denen auf die Finger." So wird diese hochnotpeinliche Hausdurchsuchung, bei der drei Frauen vom Zweckverband in fremde Schränke schauen, bei der sie das Schlafzimmer der Plenzkes noch vor dem Hausherren betreten, plötzlich auf Schwejksche Weise zu einem öffentlichen Spießrutenlauf.

Wenn Recht zu Unrecht wird

Nach einer halben Stunde hat das Trio "nichts Pfändbares" gefunden. Aber schon deutet die Anwältin an, dass auch das Grundstück versteigert werden könne. Noch ahnt niemand, dass sich der Verband sofort im Grundbuch der Plenzkes eine "Zwangssicherungshypothek" über 3236,20 Euro eintragen lassen wird.
 
Thomas Plenzke, der schon lange nur noch seine Ruhe will, endlich mal wieder mit der Familie in den Urlaub, der ernsthaft überlegt, ob er in Kürze seinen 50. Geburtstag "ausfallen lässt", der sich nichts sehnlicher wünscht als sein früheres Leben zurück, ohne "dreimal am Tag den Briefkasten leeren" zu müssen, aus Angst einen Gerichtsbeschluss zu übersehen, ohne die ständigen zermürbenden Gedanken daran, wo das alles noch enden soll, Gedanken, die seine Frau Barbara jüngst zum ersten Mal den Hochzeitstag vergessen ließen, macht sich ein paar Stunden später auf den Weg. Er bricht zu seinem 74 Kilometer entfernten Job in Berlin auf, um sich ans Steuer seines Busses zu setzen, so wie jeden Tag.

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