Brandenburg : Gewaltexzess in der alten Werkstatt

In Templin sollen zwei junge Rechtsradikale einen 55-jährigen Saufkumpan erschlagen haben. Einer von ihnen hat offenbar noch versucht, das Opfer anzuzünden. War die brutale Tat politisch motiviert?

Frank Jansen,Claus-Dieter Steyer

Templin Im Fall der brutalen Tötung des 55-Jährigen Bernd K. in Templin sind gestern weitere Details bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin bestätigte Informationen des Tagesspiegels, wonach einer der beiden Tatverdächtigen versucht haben soll, das schwer verletzte und bereits reglose Opfer anzuzünden. Möglicherweise war der 55-Jährige zu diesem Zeitpunkt schon seinen schweren Kopfverletzungen erlegen.

Der Mann wurde nach bisherigen Erkenntnissen in einer früheren Böttcherwerkstatt, in der K. wohnte, von einem oder beiden der Tatverdächtigen zu Boden geschlagen. Der Grund für den Angriff ist noch unklar. Die Tatverdächtigen Sven P. und Christian W. sollen zunächst mit dem späteren Opfer getrunken haben. Möglicherweise gab es Streit. Darauf folgte, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte, massive Gewalt. Nach Tagesspiegel-Informationen soll Sven P. exzessartig gegen den Kopf von Bernd K. getreten sein. Das Opfer erlitt mehrere Schädelbrüche. Wie eine Anwohnerin berichtete, hatte K. öfter Gäste in seine Werkstatt geladen: „Hier trafen sich allabendlich mehrere Jugendliche“, erzählte eine Anwohnerin einer Nebenstraße. „Sie soffen, grölten und stritten sich.“

Die Staatsanwaltschaft hält auch ein politisches Motiv für den Angriff gegen den alkoholkranken, im Leben gescheiterten, wenn auch entgegen erster Meldungen nicht obdachlosen K. für möglich. Dass die beiden Tatverdächtigen der rechtsextremen Szene zuneigen, verdeutlicht nach Informationen des Tagesspiegels schon ihre Kleidung. Am Tattag trug der mutmaßliche Mörder 18-jährige Sven P. ein Shirt mit einem Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß. Bei dem 21 Jahre alten Christian W. stand auf der Oberbekleidung „Frontkämpfer“. Er sitzt nun wegen Totschlags in Haft.

Beide Tatverdächtige sind vorbestraft und befanden sich nur auf Bewährung in Freiheit. Bei Christian W. hatte das Amtsgericht Bad Freienwalde im vergangenen Jahr die Strafen für mehrere Delikte zu einer Haft von drei Jahren und vier Monaten zusammengezogen. Kurz darauf wurde der schon länger einsitzende W. auf Bewährung freigelassen. Bei den aufgelisteten Delikten handelt es sich um schwere Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung, Volksverhetzung, Diebstahl und Tierquälerei. Sven P. wiederum hatte 2007 für einen Hitlergruß, versuchte Körperverletzung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vier Wochen Jugendarrest kassiert. Im Juni 2007 griff er mit einem Teleskopstock einen Mann an und beschimpfte ihn als „Jude“. Das Amtsgericht Prenzlau verurteilte ihn im Juni 2008 zu sechs Monaten auf Bewährung.

Templins Bürgermeister Ulrich Schoeneich (parteilos) sprach gestern von einem „erschütternden Vorfall“, der nicht in die offene Atmosphäre seiner Stadt passe. „Bei uns gibt es keine rechtsradikale Szene, sondern nur einzelne Auffällige“, sagte er. Sein Ort leiste sich zwei Jugendhäuser mit fünf festen Betreuerstellen. Zwischen 60 und 80 Jugendliche würden sich hier in ihrer Freizeit beschäftigen.

Schoeneich beklagte allerdings die seiner Meinung nach „ungenügende Polizeipräsenz“ in der Stadt, die jährlich wegen des Thermalbades und der nahegelegenen „Eldorado“-Westernstadt rund eine halbe Million Gäste und 100 000 Übernachtungen zähle. „Wenn ich mich bei der Polizei beschwere, gibt es immer nur eine Antwort: Wir müssen das Ferienhaus der Bundeskanzlerin in der Nähe von Templin bewachen und können nicht mehr Beamte abziehen.“ Außerdem seien die Kommunen mit der Aufsicht auf die zur Bewährung entlassenen Straftäter überlastet. „Da muss es ein ganz anderes Regime geben“, sagte der Bürgermeister.

Nach Ansicht von Kennern gibt es allerdings in Templin durchaus eine relativ verfestigte rechtsextreme Szene. Zu ihr gehörte neben Sven P. auch Sebastian F., der als damals 17-Jähriger an dem bestialischen Mord von Potzlow beteiligt war. Dort hatten im Juli 2002 drei junge Rechtsradikale den 16-jährige Marinus Schöberl zu Tode gefoltert. Derzeit sitzt F. wieder in Haft. An die Brutalität von Potzlow fühlten sich auch die Templiner Ermittler erinnert, als sie den in seinem Blut liegenden K. am Dienstagmorgen fanden.

In der Werkstatt hatte zu DDR-Zeiten der Vater von K. eine Böttcherei geführt; sein Sohn arbeitete mit. Doch nach dem Selbstmord des Vaters und der folgenden Scheidung von seiner Ehefrau geriet K. offenbar aus der Bahn. Er scheiterte als selbständiger Handwerker und ergab sich dem Alkohol. Wegen unbezahlter Rechnungen gab es in der Werkstatt zuletzt weder Strom noch Wasser.

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