Brandenburg : Neues Bett fürs Elbehochwasser

In der Prignitz gibt es ein deutschlandweit einmaliges Deichprojekt: ein breites Bett von 420 Hektar, auf dem sich das Wasser ausbreiten kann. Jetzt bewährt sich das System zum ersten Mal.

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Der Elberadweg erhielt auf dem neuen Deich auch gleich eine frische Asphaltschicht. Radfahrer und Wanderer werden auf Tafeln über das Projekt informiert.
Der Elberadweg erhielt auf dem neuen Deich auch gleich eine frische Asphaltschicht. Radfahrer und Wanderer werden auf Tafeln über...Foto: Steyer

Die Elbe bei Lenzen im nordwestlichen Brandenburger Zipfel fließt derzeit so breit wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Doch es schrillen keine Alarmglocken, nirgends werden Sandsäcke gefüllt oder gar Evakuierungen vorbereitet. Stattdessen verfolgen Anwohner, Touristen und Fachleute für Naturschutz und Wasserbau das Spektakel voller Neugierde. Sie stehen am „Bösen Ort“ am Ende eines Deiches und blicken fasziniert auf das ins Hinterland strömende Wasser. Dort wird es erst nach 1,3 Kilometern an einem neuen Damm aufgehalten. „Gebt den Flüssen mehr Raum“, heißt es überall im Land nach einem Hochwasser. Am „Bösen Ort“ hat man die Forderung in die Tat umgesetzt. Auf 420 Hektar zusätzlicher Überschwemmungsfläche kann sich nun der Fluss ausbreiten. Das erste Hochwasser seit dem großräumigen Abbruch der schon im 18. Jahrhundert gebauten Deiche vor einigen Monaten bringt die erste große Bewährungsprobe. Bis jetzt klappt alles ausgezeichnet.

„Wir hätten eigentlich bei einem Pegel von fünf Metern nach der Neiße und der Spree auch an der Elbe die erste Hochwasseralarmstufe ausrufen müssen“, sagt der Chef des Landesumweltamtes, Matthias Freude. „Aber wir sehen ja, dass die Deichrückverlegung funktioniert.“ Und es sei genug Platz vorhaben, um weitere Wassermassen aufzunehmen. Um 20 bis 30 Zentimeter sank der Pegel, nachdem der Hochwasserscheitel in die neue Überschwemmungsfläche abfließen konnte.

Damit dürfte der „Böse Ort“ für immer seinen Schrecken verloren haben. Kapitäne gaben der Stelle bei Lenzen diesen Namen, weil sie in der 90-Grad-Biegung der Elbe oft ihre Schiffe nicht auf Kurs halten konnten. Als bei der Flut im August 2002 Soldaten, Feuerwehrleute und Taucher in buchstäblich letzter Sekunde mit Sandsäcken einen Bruch des Dammes an dieser Stelle noch verhindern konnten, reifte der Entschluss: Wir geben der Elbe hier ein neues Bett.

Grafik der Region.
Grafik der Region.

„Zum Glück hatten wir es nur mit einem einzigen Landwirt zu tun, der seine Weiden aufgeben musste“, sagt der Leiter des Naturschutzgroßprojektes „Lenzener Elbtalaue“, Eckart Krüger. „Er war leicht zu überzeugen, kannte er doch die Risiken des Flusses.“ Der Kaufpreis für die 420 Hektar Land war dabei noch der kleinste Posten im rund 4,5 Millionen Euro teuren Projekt. Der neue Deich ist 5,5 Kilometer lang und liegt rund einen Kilometer hinter dem alten Damm. Dieser erhielt an sechs Stellen 400 Meter breite Schlitze, durch die das Elbewasser strömt. 1,2 Millionen Euro kostete allein die Verteidigung der Deiche beim letzten Hochwasser am „Bösen Ort“. „Da Hochwasser immer öfter auftreten, haben sich die Projektkosten schnell wieder amortisiert“, sagt der Landesumweltchef. Auf dem neuen Deich erhielt der Elberadweg gleich noch eine glatte, wenn auch etwas schmal ausgefallene Asphaltschicht.

Doch das in Deutschland bislang einzigartige Projekt dient nicht allein dem Hochwasserschutz. „Auf der ehemaligen Weidefläche wollen wir wertvolle Auenwälder mit Eichen, Eschen, Ulmen, Weiden und Schwarzpappeln pflanzen“, sagt Projektleiter Krüger. „Auf anderen Gebieten verhindern Wildpferde ein zu starkes Zuwachsen der Flächen mit Sträuchern.“

Wanderer und Radfahrer können sich selbst ein Bild machen: Sie werden auf Tafeln in einer neuen Schutzhütte direkt am Flaschenhals zwischen altem und neuem Deich über das Projekt informiert. Der Weg ist von der Burg Lenzen ausgeschildert. Vielleicht schauen da auch einmal die Einwohner aus Rühstädt bei Wittenberge stromaufwärts vorbei. Hier wie an anderen Orten sollten ebenfalls die Deiche verlegt werden. Doch schon wenige Wochen nach der großen Elbeflut 2002 hatte man sich gegen einen Neubau entschieden. Heute wird bei jedem Hochwasser der alte Damm verteidigt.

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