Boxen : Brandenburger Beharrlichkeit

KOMMENTAR von Claus-Dieter Steyer

Tempo 130 reicht! Wer als Politiker so eine Forderung für Autobahnen erhebt, wird entweder ignoriert oder kalt gestellt. Zu mächtig scheint die Lobby der Fraktion „Freie Fahrt für freie Bürger“ zu sein. Deshalb hört sich der neue Vorstoß des brandenburgischen Verkehrsministers Reinhold Dellmann für eine generelle Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 130 Kilometer pro Stunde ziemlich gewagt an. Er könnte leicht in die Reihe der „ständiger Nörgler und Besserwisser“ eingeordnet und damit abgestempelt werden.

Doch Dellmann weiß im Unterschied zu vielen anderen genau, wovon er spricht. Er kann auf eine überzeugende Referenzstrecke verweisen: das stark befahrene Teilstück der Autobahn A 24 Berlin-Hamburg zwischen den Dreiecken Havelland und Wittstock. Seit dem Jahre 2003 gilt auf den 63 Kilometern ein zulässiges Höchsttempo von 130. Schwere Unfälle hatten der Strecke zuvor den Titel einer „Todesautobahn“ eingebracht. Die Polizei führte die meisten davon auf den großen Unterschied in den Geschwindigkeiten zurück. Während auf der Überholspur Autos mit 180, 200 oder gar 220 km/h entlangdonnerten, scherten plötzlich langsamere Fahrzeuge oder schleichende Lastzüge nach links aus. Die Reaktionszeit zum Bremsen des viel schnelleren Hintermannes reichte dann oft nicht.

Wer dagegen heute auf dieser Strecke fährt, stellt eine entspannte Atmosphäre fest. Drängler oder Raser gibt es nur in Einzelfällen. Das liegt zum einen an den Blitzern, die die Polizei vorwiegend kurz vor Fehrbellin, in Höhe der Ausfahrt Neuruppin-Süd und hinter Herzsprung aufbaut, und zum anderen an der Verkehrsdichte. Die ist manchmal so stark, dass die Kapazität der Autobahn gar nicht mehr ausreicht. Das Hauptargument für eine Drosselung der Geschwindigkeit aber liefert der Blick in die Statistik. Seit Einführung des Tempolimits hat sich die Zahl der Unfälle halbiert.

Allerdings ist fraglich, ob an allen Autobahnen 130-Schilder aufgestellt werden sollten. Schon das Brandenburger Netz weist große Unterschiede auf. Auf dreispurigen Fahrbahnen mit Standstreifen oder umfassend sanierten Strecken kann ruhig richtig Tempo gemacht werden.

Der jetzige Vorstoß des Ministers dürfte jedenfalls keineswegs so schnell in der Versenkung verschwinden wie ähnliche Vorschläge anderer Politiker. In Potsdam hat man gelernt, dass sich Beharrlichkeit auszahlt. Schließlich gingen auch erst mehrere Jahre ins Land, ehe sich das Alkoholverbot für Fahranfänger durchsetzte. Die Idee dafür hatte Brandenburg.

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