Boxen : Brandenburgische Sommerkonzerte: 1 : 0 für die Kultur

Frederik Hanssen

So etwas erlebt man eben nur bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten: Als die Besucher aus der Hauptstadt nach dem Eröffnungskonzert des Musikfestivals am Marktplatz von Beeskow wieder in einen der Reisebusse steigen wollen, der sie zurückbringt, fällt der Blick auf vier Männer, die sich im Abendsonnenlicht einen Fußball zu kicken: Ist das nicht Daniel Harding, der Chefdirigent der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, der eben noch Johannes Brahms dritte Sinfonie so elegant, so sommerlich heiter, interpretiert hat? Natürlich! Und der junge Mann neben ihm kann nur Renaud Capuçon sein, der 26-jährige französische Geigenvirtuose, dessen ungemein zarte, traumschöne Violintöne in der Beeskower Marienkirche Wolfgang Rihms "Gesungene Zeit" zum Klangerlebnis für 650 Zuschauer gemacht hatten!

Fußballspielende Klassikstars, eine Truppe fröhlicher Musiker am Nebentisch beim Italiener, selbstgebackener Kuchen im Kirchhof, serviert von engagierten Gemeindemitgliedern und - entgegen allen Wettervorhersagen - ein regenfreier Tag im Oder-Spree-Kreis: Auch im elften Jahr ihres Bestehens haben die Brandenburgischen Sommerkonzerte mal wieder das Glück auf ihrer Seite.

Es ist das Glück der Tüchtigen, wie Manfred Stolpe am Sonnabend in Beeskow betonte: Das "neue Brandenburg" und das 1990 gegründete private Festival gehörten zusammen, so wie auch Berlin und sein Umland zusammengehörten, fand der Ministerpräsident. Und weil er zu seinem Bedauern auf die Fusion der beiden Bundesländer noch ein paar Jahre warten müsse, komme derweil den Sommerkonzerte eine besondere Rolle zu - als Brücke, über die Berliner wie Brandenburger zu gemeinsamen Erlebnissen schreiten können.

Auch wenn sich das Publikum mehrheitlich aus den alten West-Berliner Bezirken rekrutiert - ohne staatliche Subventionen müssen die Festivalpreise recht hoch sein - haben doch die "Klassiker auf Landpartie" schon manchen Hauptstädter zu einem Ausflug in entlegene Regionen des Umlands animiert.

Auch am Sonnabend ist der imposante Beeskower Backsteinbau beim Eröffnungskonzert fast bis auf den letzten Klappstuhl gefüllt. Dass die Marienkirche noch eine halbe Baustelle ist, der Fußboden noch aus reinem Sand besteht, stört die Besucher ebensowenig wie der sangesfreudige Hausrotschwanz, der sich ins Gotteshaus verirrt hat und nun lautstark am Konzert teilnimmt.

Klassische Musik locker zu sehen, als anregende Unterhaltung - auch das verbindet die Besucher der Brandenburgischen Sommerkonzerte aus Stadt und Land. Dass 650 Menschen trotzdem hochkonzentriert, geradezu atemlos, einem Stück zeitgenössischer Musik wie Wolfgang Rihms Violinkonzert "Gesungene Zeit" lauschen, steht dazu in keinem Widerspruch - wenn es so exzellent interpretiert wird wie am Sonnabend von Renaud Capuçon, Daniel Harding und der Deutschen Kammerphilharmonie.

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