Boxen : BSE: 449 Rinder vor der Tötung

Claus-Dieter Steyer

Nach der Bestätigung des ersten Brandenburger BSE-Falles werden in dem betroffenen Agrarbetrieb in Hertefeld bei Nauen alle 449 Tiere, davon 316 Milchkühe getötet. Diese Entscheidung gab gestern der zuständige Landrat Burkhard Schröder in Rathenow bekannt. Noch nicht festgelegt sei der Ort der in den nächsten Tagen beginnenden Massenschlachtung. "Da hoffen wir auf die Hilfe des Landwirtschaftsministeriums", sagte Schröder.

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Der Geschäftsführer des Gutes Hertefeld, Friedrich August Herzog von Oldenburg, will eine Tötung des Bestandes in den Ställen des Betriebes möglichst verhindern. "Das wäre eine große psychologische Belastung der Mitarbeiter", erklärte er. Sie hätten sich bisher um die Aufzucht der Tiere verdient gemacht und müssten nun mit ansehen, wie diese vernichtet würden. "Das wollen wir nicht zulassen", erklärte von Oldenburg. Auch nach der Tötung des gesamten Bestandes will der aus Schleswig-Holstein stammende Landwirt an der Rinderzucht im Havelland festhalten. Nach der Desinfizierung der Ställe wolle er sich um den Kauf neuer Tiere bemühen.

Die finanziellen Kosten für den Hertefelder Betrieb tragen der Brandenburger Tierseuchenfonds und die Ertragsausfallversicherung. Den Wert einer Milchkuh schätzte von Oldenburg auf 1500 bis 2000 Mark. Auf den Landkreis Havelland kommt durch die Beseitigung der Tierkörper eine sechsstellige Summe zu. "Wir können nicht sofort eine entsprechende Logistik für die Massentötung auf die Beine stellen", erklärte Landrat Schröder. "Doch uns drängt niemand. Der Betrieb bleibt abgesperrt." Brandenburgs Agrarminister Wolfgang Birthler (SPD) war kurz nach der Mitteilung des positiven Testergebnisses aus dem Bundeslabor Tübingen zu einer Krisensitzung in die Kreisverwaltung Rathenow gefahren. Zusammen mit dem Landrat, Tierärzten und dem Kreisbauernverband sei die Beseitigung der ganzen Hertefelder Herde beschlossen worden, teilte Birthler mit. "Wir haben auch die Tötung der Kohorte in Betracht gezogen, aber uns schließlich im Interesse der Verbraucher für die Ausmerzung des gesamten Bestandes entschieden."

Zu einer Kohorte gehören nur jene Tiere, die zwölf Monate vor und zwölf Monate nach der Geburt eines Kalbes zur Welt kamen. In Bayern und in der Schweiz werden bei einem BSE-Fall nur die jeweiligen Kohorte-Rinder geschlachtet. In Hertefeld wären das nur 69 Kühe gewesen. Birthler mahnte einheitliche bundesweite Regelungen für den Umgang mit der Rinderwahnkrankheit an. Er plädierte außerdem für ausgewählte Sanitätsschlachthöfe, auf die sich die Tötung von BSE-betroffenen Herden konzentrieren sollten.

Der Havelländer Kreisbauernverband stimmte der Beseitigung aller 449 Tiere zu. "Unser ganzer Berufsstand steht durch BSE vor einer ungewissen Zukunft", sagte der Vorsitzende Udo Folgart. "Wir wollen deshalb die Aktion bei uns in Ruhe zu Ende bringen und dadurch wieder Vertrauen gewinnen." Demonstrationen aufgebrachter Bauern wie am vergangenen Wochenende vor einem Stall mit einer BSE-Kuh in Sachsen-Anhalt seien deshalb in Brandenburg nicht zu erwarten.

Ende vergangener Woche war bei der Schlachtung einer aus der Hertefelder Anlage stammenden Kuh in Niedersachsen ein erster BSE-Verdacht geäußert worden. Als Geburtsort vermerkte der Rinderpass das südlich Berlins gelegene Fresdorf. Doch dort wuchs das knapp fünfjährige Tier nur die ersten Jahre auf. Der Besitzer war mit der Herde 1998 nach Hertefeld gezogen, musste dort aber 1999 Insolvenzantrag stellen. Der heutige Geschäftsführer des Gutes, Friedrich August Herzog von Oldenburg, übernahm im Sommer 1999 die Ställe und einen Teil der Tiere. Er kaufte aus anderen Regionen Rinder dazu. "Wir haben alles richtig gemacht und stehen nun vor einem Dilemma", sagte der Chef. Er habe zu keiner Zeit Tiermehl verabreicht. Die Rinder hätten Silage aus eigener Produktion sowie zugekauftes Kraftfutter erhalten. Fachleute fanden bei ihren Tests vor Ort kein Tiermehl.

Genaue Angaben über den Verbleib derjenigen Tiere, die zusammen mit der BSE-Kuh im Fresdorfer Stall gestanden hatten, konnte gestern niemand geben. Fest stand nur, dass die so genannte Kohorte des von BSE betroffenen Rindes weitere 69 Tiere umfasste. Diese wurden in andere Bundesländer verkauft. Sie könnten also den möglichen Erreger des Rinderwahnsinns weit verbreitet haben.

Am Rande der Krisensitzung begrüßte Minister Birthler die von der Bundesregierung am Mittwoch beschlossene Tötung von 400 000 Rindern, um die wirtschaftliche Lage der Bauernschaft zu verbessern. In Brandenburg seien davon fünf Prozent des schlachtreifen Rinderbestandes - rund 300 000 Tiere - betroffen. Brandenburg hat derzeit einen gesamten Rinderbestand von 641 100 Tieren (Stand: November 2000). Jeder Landwirt könne sich freiwillig melden und Rinder zur Schlachtung anmelden. Noch ungeklärt sei allerdings die Kapazitätsfrage in der Tierkörperbeseitigung. Es gebe nicht zuletzt durch die Tötung von 1000 Tieren in Sachsen-Anhalt einen Engpass in diesen Spezialbetrieben. Er sei froh, dass es in Brandenburg auch eine sinnvolle Verwendung von Tiermehl gebe. In einer Anlage in Schwarze Pumpe würden die Rückstände aus den Tierkadavern zu Methanol vergast.

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