Boxen : Bundesgartenschau: Ein Park des 21. Jahrhunderts

Günter Schenke

Zwar findet die Potsdamer Bundesgartenschau in "vier Kulissen" statt, doch die meisten Besucher werden wohl zuerst den "Park im Bornstedter Feld" aufsuchen, das Buga-Gelände im engeren Sinne. Dabei handelt sich nicht um einen temporären Park, sondern um einen Dauergarten, um einen neuen "Volkspark" für Potsdam. Und was man heute nicht mehr sieht: Die Gartenschöpfung befindet sich auf einem ehemaligen militärischen Übungsgelände, das seit 250 Jahren bis zum Jahr 1994 ein weißer Fleck auf der Potsdamer Stadtkarte war. Die letzten Nutzer waren die Sowjets. Sie hinterließen Kasernen, Tankstellen und Tanklager, unsägliche Zweckbauten und eine verrottete 300 Hektar große stadtnahe Landschaft.

Der Buga-Besucher wird von der militärischen Vergangenheit zunächst nichts bemerken. Vielleicht sieht er in der Ferne die Gebäude der ehemaligen Kriegsschule in Bornstedt, in der heute moderne Wohnungen und ein Technologiezentrum untergebracht sind. Vielleicht bemerkt er an der Nedlitzer Straße die Roten Kasernen, die derzeit eine große Computerfirma zum Teil ausbaut. Ganz sicher sieht er die sanierten Plattenbauten unmittelbar am Buga-Park - einst Wohnbauten für russische Offiziere und andere Angehörige der Besatzungstruppen. Zuerst dachte die Stadt weniger an einen "Park im Bornstedter Feld", sondern an ein Neubaugebiet: Ein Stadtteil mit über 17 000 Einwohnern sollte entstehen. Dann kam die Buga-Bewerbung und die Idee, für die Bewohner einen Park zu schaffen - eine grüne 63 Hektar große Mitte für einen neuen Stadtteil. In einer Stadt der königlichen Gärten, einen neuen Park zu schaffen, war für die Landschaftsarchitekten eine große Herausforderung.

Als der Entwicklungsträger Bornstedter Feld im Herbst 1996 einen Ideenwettbewerb auslobte, bewarben sich 150 Teams aus Landschaftsplanern und Architekten aus ganz Europa. 51 wurden zur Teilnahme ausgewählt. Anfang März 1997 wählte eine international besetzte 15-köpfige Jury die Gewinner aus. Den ersten Preis erhielten Latz und Partner aus Kranzberg, Jourda & Perraudin aus Lyon sowie HHS Planer und Architekten aus Kassel. Ihre Grundidee: eine luftig konstruierte Glashalle als zentraler Punkt in einer Wiesenlandschaft, ein waldartig angelegter Parkteil mit "Sportlichtungen" sowie ein System von Wallanlagen. Letztere sind eine Reminiszenz an die frühere militärische Nutzung. Die "Erdwälle" bilden das durchgehende Gestaltungsprinzip des Parkes. Die Grundidee entlehnten die Landschaftsgestalter aus der Zeit der Sowjets. Diese legten den Grund für die Wallanlagen, die wohl vor allem als Sichtschutz für parkendes Militärgerät dienten. Die alten "Panzerwälle" mussten jedoch aufwändig ausgebaut und befestigt werden. Acht Stahlbrücken verbinden die Wälle miteinander und ergeben so eine Art Deichwanderweg, der die flache Landschaft des Bornstedter Feldes und die darin gestalteten Gärten von oben erlebbar macht.

Das Kölner Architektenteam Dietrich, Fritzen, Löf, entwarf die Pläne für die 2,5 Meter breiten Brücken aus so genanntem Corten-Stahl mit Spannweiten von bis zu fünfzig Metern. Beim Corten-Stahl handelt es sich um einen Edelstahl, der an der Oberfläche leicht rostet und das harte Material gewissermaßen optisch aufweicht. Im Querschnitt haben die Brücken die Form eines Troges, also einer Lauffläche mit seitlichen Barrieren. Letztere sind recht breit und verleiten Kinder zum Darüberlaufen und zum Balancieren. Die Erbauer haben das vorausgesehen und die Stellen, an denen Absturzgefahr droht, mit Stahlbolzen markiert.

So ist in der militärischen Wüstenei im Potsdamer Norden als Pendant zu den nahen königlichen Gärten eine ausgesprochen gelungene Parkanlage des 21. Jahrhunderts entstanden. Im Unterschied zu den historischen Parkanlagen gilt hier aber nicht: "Betreten des Rasens verboten". Als echter Volkspark soll die Anlage über die Buga hinaus Bestand haben und zum Erholen und Sport treiben einladen. So gibt es eine aufregende Rutschbahn im Waldpark, deren Edelstahlröhren sich wie Krakenarme in der Landschaft winden sowie drei weitere "Terminals", die auf attraktive Art das Sport- und Spielangebot bereichern.

Wo sich der Buga-Besucher im neuen Park auch befinden mag: Auf den Wällen oder auf der Riesenrutsche im Wald - von überall her sieht er das schöne Panorama der sich nach Süden erstreckenden "Potsdamer Höhen" mit dem Normannischen Turm des Ruinenberges und dem Belvedere auf dem Pfingstberg. Beide Bauten, die seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben waren, sind im Jahr der Bundesgartenschau aufwändig restauriert worden. Der große Gartenkünstler Peter Joseph Lenné hatte in seinem "Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam" 1833 mehrere Parkanlagen nördlich der Stadt vorgesehen, die untereinander durch "Feldfluren" verbunden sind. Die Gartengestalter des Buga-Parks setzten knapp 170 Jahre später diese Gestaltungsideen fort.

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