Boxen : Castor-Transport: Für wenige Minuten das Gleis blockiert

Stefan Jacobs

Den ganzen Abend vor Tag X verbringen die Atomkraftgegner redend auf dem Campingplatz. Sie beschwören die Gewaltlosigkeit. Sie üben, wie man sich so aufs Gleis setzt, dass einem die Polizei beim Wegtragen nicht weh tut. Und sie klären die Strategie, mit der sie später in der Nacht die Hundertschaften entlang der Strecke überlisten wollen. Knapp 50 Kernkraftgegner aus ganz Deutschland sind zum Treffpunkt von "X-tausendmal quer" nach Wustrau-Altfriesack gekommen. Einige wollen zur Demo nahe dem Herzberger Bahnhof. Aber die meisten wollen sich ans Gleis schleichen und wenigstens für einen symbolischen Moment auf die Schienen setzen. Die meisten hier sind längst in der Polizei-Kartei. Und die Beamten kommen auf den Platz, um Personalien aufzunehmen.

Bert (Name geändert), der Anti-Atomkraft-Veteran, bekam noch einen Zettel in die Hand gedrückt: sofortiges Aufenthaltsverbot für die Landkreise Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin. Bis 21 Uhr muss er die Gegend verlassen haben. Er fährt rechtzeitig und ohne Murren. Und kehrt kurz vor Mitternacht zu Fuß zurück. Den exakten Plan für die Blockade kennen nur fünf Leute.

Um halb zwei startet die erste Gruppe: vier Leute in einem Auto, von denen nur einer den späteren Treffpunkt im Wald kennt. Es sind 15 Kilometer bis zum Bahndamm; in den mondbeschienenen Feldern glimmen Lichter von Polizeiautos. Ein unbekanntes Fahrzeug verfolgt die Aktivisten. Mühsam können sie den Begleiter abschütteln. Kurz nach vier treffen sich die Kleingruppen im Wald. 25 Aktivisten robben nun zu Fuß weiter Richtung Gleis, während 20 andere in Herzberg zur Demo gehen, wo sie von über 200 Polizisten bewacht werden. So haben sie zumindest diese Beamten beschäftigt.

Um halb acht verlassen die Aktivisten den Wald und gehen über ein Feld zum Bahndamm. Sie sind weithin sichtbar, aber der Bundesgrenzschutz taucht erst auf, als sie schon auf dem Gleis sitzen. Sofort eilen Hunderte Beamte herbei, um die Aktivisten wegzutragen. Diese wehren sich nicht. Sie sind glücklich, dass sie es geschafft haben. Auch die Beamten sind freundlich. Nach 20 Minuten ist der Letzte vom Gleis getragen; wenig später kommt der Castor-Zug. Die Grenzschützer lassen die Blockierer hinterherschauen, bevor sie sie in den Gefangenenbus bitten. Der Einsatzleiter ist "hoch zufrieden" mit der Aktion. Die Atomkraftgegner auch.

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