Boxen : Chinesisch für Anfänger

Viele Sprachschulen bieten Chinesischkurse an. Wer Erfolg haben will, braucht Geduld

Christian Schnohr

„Ni hao“. Die Chinesischlehrerin strahlt über das ganzes Gesicht, ihre Wangen sind von der kühlen Abendluft gerötet. „Ni hao“, grüßen Renate Del-Pozo und Robert S. artig zurück. Ein wöchentliches Ritual: Die beiden Frankfurter besuchen seit neun Monaten einen Chinesisch-Sprachkurs. 90 Minuten hintereinander sprechen, verstehen – und seit kurzen auch schreiben. Seit China eine globale Wirtschaftsmacht ist, steigt in Deutschland die Nachfrage nach Chinesischkursen. Um einen dicken Vertrag abzuschließen, büffeln Manager fleißig Vokabeln. Wer später viel Geld verdienen will, belegt schon in der neunten Schulklasse einen Chinesischkurs. Pauken für die Karriere.

Doch wie gut können Europäer die schwierige Sprache wirklich erlernen? Die Chinesischlehrerin aus Frankfurt, die wegen des Tibet-Konflikts ungenannt bleiben möchte, vermutet: „Ein 40-jähriger Manager hat nach drei Monaten Intensivkurs die Sprache so gut gelernt, dass er sich mit Einheimischen unterhalten kann.“ Viele Deutsche, die jahrelang in China leben, sprächen sogar nahezu flüssig. Davon sind Renate und Robert noch weit entfernt. Sie streben auch nicht nach Perfektion und fetten Vertragsabschlüssen: „Ich bin einfach fasziniert von diesem Land, habe China schon mehrmals bereist“, sagt die 44-jährige Flugbegleiterin. „Die Menschen sind richtig begeistert, wenn man sich bemüht, ihre Sprache zu lernen.“ Den 28-jährigen Kaufmann Robert treiben private Gründe auf die Schulbank: „Meine Freundin stammt aus Taiwan. Sie spricht zwar sehr gut Englisch – doch mit ihrer Familie konnte ich mich bislang nicht verständigen.“ Und so kommen die beiden jede Woche im kleinen Kreis mit ihrer Lehrerin zusammen, um in dem gelb getünchten Raum des Frankfurter Anbieters „Sprachcaffé“ Vokabeln aus dem Reich der Mitte zu büffeln.

Wenn die Lehrerin spricht, klingt die Sprache wie Musik. Eine Melodie, die fremd bleibt: Kein chinesisches Wort, das man ableiten könnte. Kein Schriftzeichen, das einem Buchstaben ähnelt. „Màozi“, sagt die Lehrerin und hält ihre Hände über den Kopf. „Das heißt: Mütze“. Renate jubelt: „Endlich zwei Begriffe, die ähnlich klingen.“ Frustrierend sei es, wenn man die unzähligen Wörter nicht auseinander hält. Auch das Sprechen bereite Probleme. Vor allem, die richtige Tonhöhe zu treffen: Ein Begriff kann – je nach Aussprache – ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Das chinesische Wort „wen“ zum Beispiel kann „Frage“, aber auch „Kuss“ heißen. Wer die feinen Unterschiede beherrschen möchte, sollte Geduld haben. „Erst nach gut 300 Stunden sind Erfolge spürbar“, sagt Uwe Strenger, Leiter der Berliner Sprachschule „IH Berlin Prolog“. Für Renate und Robert aus dem Sprachcaffé reichen die Grundlagen nach sechs Monaten aus, um erste Schriftzeichen zu erlernen.

Die Chinesischlehrerin aus Frankfurt zeichnet an die Tafel, die Schüler zeichnen nach. Ihr Blatt füllt sich mit den kryptischen Symbolen. „Davon gibt es in einer chinesischen Zeitung circa 3000 Stück“, erklärt die Lehrerin. Für Renate und Robert zerlegt sie einige der Zeichen in ihre Einzelteile. „Hier seht ihr das Idiom für Wasser. Und dort das Zeichen für Auge. Kombiniert man beide miteinander, entsteht etwas Neues.“ Die beiden Schüler rätseln. „Das heißt Träne“, vermutet Renate. Richtig. Doch die Lehrerin ist noch nicht zufrieden: Sie fragt Vokabeln ab. Will wissen, was sich unter dem Buch befindet, was vor der Tür. Wenn die beiden Schüler ratlos schauen, spornt die Lehrerin sie weiter an. Das ist auch nötig: Wer sich überfordert fühlt, gibt schneller auf. „Viele springen frühzeitig ab. Es dauert, bis man Fortschritte sieht“, sagt Renate. „Aber man kann die Sprache lernen. Es ist halt Fleißarbeit.“ Robert ergänzt: „Die chinesische Grammatik ist dafür nicht besonders schwer“.

Im Mandarin, dem Hochchinesischen, gibt es weder eine Unterscheidung in Singular und Plural, noch in weiblich und männlich. Außerdem wird ein Verb nicht konjugiert. Trotzdem: Wer Chinesisch flüssig sprechen möchte, kommt um eine Reise in das Reich der Mitte kaum herum. Das Frankfurter Sprachcaffé bietet nicht nur Sprachkurse an, sondern auch Studienreisen in exotische Länder – von Marokko über Brasilien bis China. Insgesamt lernen bei ihnen jährlich rund 30 000 Schüler eine Fremdsprache. Die meisten Anfragen gibt es nach Kursen in Englisch, Französisch und Spanisch. Ob tagsüber, in intensiven Kleingruppen, im Einzelunterricht oder an den Wochenenden – das Kurskonzept ist immer dasselbe: „Wir beginnen immer mit dem Sprechen. Erst danach folgen Schreiben und Grammatik“, sagt Geschäftsführer und Mitbegründer Alberto Sarno. Dieses Konversationsprinzip widerspricht der Methode, in denen an deutschen Schulen unterrichtet wird.

An der Berliner Sprachschule IH Berlin Prolog legen die Lehrer ebenfalls Wert auf offene Dialoge. Grammatik wird nicht isoliert unterrichtet, sondern immer in Texte eingebunden. Auch im Chinesischen, das die IH Berlin in verschiedenen Kursen anbietet. „Rund 30 Schüler lernen derzeit ein bis zwei Mal wöchentlich, weitere 30 in Intensivkursen“, so Schulleiter Uwe Strenger.

Die meisten Chinesisch-Schüler an der Berliner Sprachschule sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Viele absolvieren den Kurs, um ihre beruflichen Perspektiven zu verbessern.“ Zwar steige die Nachfrage nach Chinesischkursen immer noch, allerdings langsamer als noch vor zwei Jahren. „Es gab zunächst großes Interesse. Doch mittlerweile haben die Leute gemerkt, dass die Sprache schwierig zu lernen ist und viel Fleiß erfordert.“ Und bei langer Kursdauer auch viel Geld. Aber schließlich ist der Weg das Ziel. Soll Konfuzius gesagt haben.

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