Boxen : Cottbus kann nur Wunder

Der FC Energie war schon so gut wie abgestiegen. Jetzt schöpft eine Region wieder Hoffnung

Sandra Dassler

Dieter Friese, Landrat des Spree-Neiße-Kreises hat einen Traum: Er will Franz Beckenbauer am 1. März mit „hängenden Ohren aus dem Stadion der Freundschaft schleichen“ sehen. Beckenbauer hatte in der Winterpause den damaligen Tabellenletzten FC Energie einen „hoffnungslosen Fall“ genannt. Doch inzwischen sind die Cottbuser Kicker mit zehn Punkten aus vier Spielen die beste Rückrundenmannschaft der Liga – vor den Bayern, die am 1. März in Cottbus antreten. „Wir haben die Münchner schon einmal geschlagen“, sagt Friese, „warum sollte ein solches Wunder nicht wieder möglich sein.“

Die Siegesserie der Cottbuser Fußballer ist momentan der einzige Lichtblick in der krisengeschüttelten Region. Beckenbauers Einschätzung würde viel eher auf die wirtschaftliche Situation in der Niederlausitz zutreffen, meint der Sprecher des Cottbuser Arbeitsamtes, Roland Neumann. Auf 66 000 Jobsuchende kommen gerade einmal 1800 freie Stellen. In München stehen 60 000 Arbeitslosen 10 000 Stellen gegenüber.

Doch so, wie man sich in Cottbus über den Klassenerhalt mindestens so freuen würde wie die Münchner über die Meisterschaft, begnügt man sich auch auf anderen Gebieten mit kleineren Erfolgen. Landrat Friese hat beispielsweise in der letzten Woche nicht nur den Fördermittelbescheid für ein Thermalbad in der Spreewaldgemeinde Burg erhalten, sondern auch die Zusage für eine Papierfabrik in Schwarze Pumpe mit 277 fest angestellten Mitarbeitern. In Cottbus selbst hofft man auf die neue Bundesbehörde zur Verwaltung der Minijobs. 600 Stellen sind zu besetzen – 23 000 Menschen haben sich bislang dafür beworben.

Die schlechte wirtschaftliche Lage bekommt auch der FC Energie zu spüren. Kleine Firmen, die bislang als bescheidene Sponsoren tätig waren, können angesichts sinkender Umsätze nichts mehr für den Fußball tun. Und obwohl die Eintrittspreise nach Aussagen von Energie-Sprecher Ronny Gersch die niedrigsten in der Liga sind, überlegen viele, ob sie sich einen Stadionbesuch leisten können. „Eine vierköpfige Familie zahlt pro Spiel mindestens 30 Euro“, rechnet Gersch vor: „Das ,Premiere‘-Abo kostet nur fünf Euro im Monat.“

Gleichwohl – in Cottbus’ Altstadt hängen inzwischen wieder an vielen Kneipen Plakate mit Mut machenden Sprüchen: „Wir glauben an das Wunder.“ Wunder haben Tradition in Cottbus. Das Erreichen des DFB-Pokalfinales im Jahr 1997 war eines, ebenso der gleichzeitige Aufstieg in die 2. Bundesliga. Und als die belächelten Lausitzer 2000 gar in die 1. Liga aufstiegen, da war man sich deutschlandweit einig, dass der Abstieg auf dem Fuße folgen würde. Und wenn Cottbus jetzt mit den wenigsten Punkten, die je eine Mannschaft nach der Hinrunde hatte, wieder den Klassenerhalt schafft, wäre das wahrscheinlich sogar für Franz Beckenbauer eine Sensation.

Für viele Fußballbegeisterte in der Lausitz sind die Siege ihrer Mannschaft weit mehr: „Heute beginnt der Frühling“ schrieb ein Fan auf der Homepage des FC Energie nach dem 3:0-Sieg gegen Hannover: „Da kann es draußen noch so kalt und grau sein – in Cottbus scheint endlich wieder die Sonne.“ Und Landrat Friese meint: „Es geht vor allem um Selbstwertgefühl. Man freut sich, wenn es die vermeintlich Chancenlosen schaffen. Auch in den letzten Jahren hat sich die Mannschaft erst aufgerafft, als schon alles verloren schien. Cottbus kann nur Wunder.“

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