Boxen : Das Geld reicht längst nicht für die Erhaltung aller KZ-Bauten

CLAUS-DIETER STEYER

Lücke von 20 Millionen Mark / Gedenkstätten künftig LernorteVON CLAUS-DIETER STEYER ORANIENBURG.Die KZ-Gedenkstätten stehen in den nächsten Jahren vor einer einschneidenden Veränderung."Wenn bald die letzten Zeitzeugen der Lager verstorben sind, werden Sachsenhausen, Ravensbrück und das Zuchthaus Brandenburg nicht mehr nur Orte der Trauer und des Schmerzens sein.Sie müssen sich als aktive Lernorte und Steine des Anstoßes bewähren", sagte der Direktor der Stiftung der Brandenburgischen Gedenkstätten, Günter Morsch, gestern zum fünften Jahrestag der von Bund und Land gleichermaßen getragenen Organisation.Gerade in Zeiten fremdenfeindlicher Gewalttaten komme den Gedenkstätten eine besondere Bedeutung für die demokratische Kultur zu.Hier könne die Gefahr eines Rückfalles in die Barbarei am besten vor Augen geführt werden. Morsch hatte dafür ein treffendes Beispiel zur Hand.1995 wies die Statistik fremdenfeindlicher Straftaten einen drastischen Rückgang auf."Wir führen ihn auf die vielen Gedenkfeiern zum 50.Jahrestag der Befreiung der Lager im April 1995 zurück.Die Medien berichteten ausführlich über die Untaten im NS-Regime und interviewten ehemalige Häftlinge.Zahlreiche Jugendliche besichtigten die Lager und sprachen ausführlich über die damalige Zeit." Erst 1996 stieg die Zahl der Angriffe auf Andersdenkende und Ausländer wieder dramatisch an. Zwischen 1993 bis 1997 haben 1,8 Millionen Menschen die Gedenkstätten in Sachsenhausen, Ravensbrück, Brandenburg und in den ehemaligen Außenlagern besucht.Viele stehen aber nicht allein wegen der eindringlichen Zeugnisse des Mordens und der Quälerei während der NS-Zeit kopfschüttelnd vor den Baracken, den Todesstationen und den einstigen Appellplätzen.Sie sind auch erschrocken über den Zustand der Bauten.Allenthalben warnen beispielsweise in Sachsenhausen mehrsprachige Schilder vor akuter Einsturzgefahr der Station "Z" und der Ringmauer."Wir haben in den letzten Jahren viel Geld in Planungen und die Infrastruktur für die Gedenkstätten gesteckt", erklärte Stiftungsdirektor Morsch.Diese Ausgaben seien nicht unmittelbar sichtbar, doch nach der Vernachlässigung der Bauten zu DDR-Zeiten unumgänglich.Dennoch klafft zwischen dem auf 50 Millionen Mark geschätzten Sanierungsbedarf und dem tatsächlich über einen Zeitraum von zehn Jahren von Brandenburg und dem Bund bereitgestellten 30 Millionen Mark eine große Lücke.Einige Gebäude werden deshalb trotz aller Mühen verfallen und damit unwiderbringlich verloren gehen.Wie hoch die Bausummen im Einzelfall werden können, zeigte die Eröffnung der nach einem Brandanschlag zerstörten Jüdischen Baracken als Museum.Sie kosteten 4,3 Millionen Mark. Kulturminister Steffen Reiche sprach sich deshalb mit Blick auf die Debatte um das Holocaust-Mahnmal im Berliner Regierungsviertel gegen eine zögerliche Instandsetzung der KZ-Gedenkstätten als authentische Plätze des Erinnerns aus.Beide Orte würden gebraucht. Als Erfolg der fünfjährigen Stiftungsarbeit wurde der Ausgleich zwischen den Organisationen der Opfer vor 1945 und nach 1945 gewertet.Nach der Wende, als das Tabu der nach Kriegsende in den befreiten KZ eingerichteten sowjetischen Internierungslager gebrochen worden war, hatte es großen Streit zwischen NS-Opfern und den vermeintlichen Tätern gegeben.Heute arbeiten beide Gruppen in den Stiftungsbeiräten.Im Mai 2000 soll das längst versprochene Museum zur Geschichte des größten NKWD-Speziallagers in Sachsenhausen eröffnet werden.

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