Boxen : Das Gotteshaus schreckt auch vor Techno-Parties nicht zurück

CLAUS-D.STEYER

Fünf Jahrzehnte war die Stadtpfarrkirche Müncheberg eine Ruine / Jetzt wird sie sowohl von der Gemeinde als auch von der Stadt genutztVON CLAUS-D.STEYER MÜNCHEBERG.Die Stadtpfarrkirche Müncheberg ist bisher einzigartig: Hinter der schweren Holztür finden sowohl Gottesdienste als auch Sitzungen des Stadtparlaments und der Amtsverwaltung, Chorsingen und Techno-Parties, Taufen und Lesungen in der städtischen Bibliothek statt.Verwaltet wird die Kirche obendrein von einer Betreibergesellschaft, in der die evangelische Kirchengemeinde, die Stadt und ein Förderverein zusammenarbeiten.Eine Geschäftsführerin soll möglichst viele Veranstaltungen organisieren.Einige Millionen Mark Steuermittel flossen in den Wiederaufbau der Kirche.Das meiste Geld aus der Brandenburger Landeskasse steuerte allerdings nicht wie üblich das Kultur- oder Bauministerium bei, sondern ausgerechnet das Agrarressort.1,5 Millionen Mark machte Landwirtschaftsminister Edwin Zimmermann locker, und er versprach, auch weiterhin diese Kirche zu fördern. Direkt an der Fernstraße nach Polen, auf halber Strecke zwischen Berlin und der Oder, steht dieses wundersame Gebäude.Der Turm dieser am Ostersonntag zum zweiten Mal geweihten Kirche grüßt die Reisenden schon viele Kilometer vor der Stadt.Bei klarer Sicht soll von der Turmspitze sogar der 50 Kilometer entfernte Berliner Fernsehturm auszumachen sein.Doch diese herausragende Position in der Landschaft wurde der Kirche in den letzten Kriegstagen zum Verhängnis.Am 19.April 1945 nahm sowjetische Artillerie Turm und Schiff ins Visier.Mehrere Treffer ließen Dach und Gewölbe einstürzen.Die Kirche brannte bis auf die Grundmauern nieder.Nur der nach einem Plan von Schinkel zwischen 1817 und 1829 gebaute Turm blieb heil, wenn auch schwer beschädigt. Mehr als vier Jahrzehnte stand auf dem Kirchberg eine Ruine.Ideen und Pläne für den Wiederaufbau scheitern an fehlender politischer Unterstützung oder ganz einfach am fehlenden Baumaterial.Mit der Wende kam beides.Doch wichtiger war ein Mann, der den Münchebergern damals ihre Scheuklappen nahm: Wilhelm Wessling, Kommandeur eines Funktechnischen Bataillons.Aus Schleswig-Holstein in die ostbrandenburgische Provinz geschickt, machte er sich seine Gedanken um den Ort und die Kirche."Für die Leute spielte die Ruine gar keine Rolle mehr.Sie hatten sich mit ihr abgefunden.Niemand brauchte offenbar dieses einst wunderschöne Haus", erklärte der Offizier im Frühjahr 1991.Er begeisterte den Pfarrer, den Bürgermeister und andere wichtige Leuten von der Idee vom Wiederaufbau.Die anfängliche Skepsis wich beim Hinweis auf bundesdeutsche Förderprogramme und einen ermutigenden Brief aus dem Kulturministerium.Aus der Bürgerinitiave wurde schließlich ein Förderverein. 1992 begann tatsächlich der Wiederaufbau, der am Ende sieben Millionen Mark kostete.Die Hälfte davon sammelte der Förderverein."Schon vor Beginn der Arbeiten war uns klar, daß wir als Kirche allein niemals das Geld zusammenbringen konnten und das Gebäude selbst für uns zu groß würde", sagt Pfarrer Hubert Müller."6000 Einwohner zählt Müncheberg, nur 20 Prozent davon gehören zu unserer Gemeinde.Deshalb waren wir froh, als die Stadt ihr Mitwirken signalisierte." Die Idee vom "Haus im Haus" war geboren. An einer Seite des Kirchenschiffes entstand ein vierstöckiger Einbau aus Glas und Holz.Auf zwei Etagen zieht die städtische Bibliothek ein.Darüber ist Platz für die Stadtverordneten, Diskussionsrunden und Büros."Um diese Lösung wurde hart gerungen", erinnert sich der Pfarrer."Einige Kirchgänger fürchteten eine Entweihung des Gotteshauses." Doch er habe sich schließlich mit dem Argument durchsetzen können, in der Kirche würden Christen und Nichtkonfessionelle optimal zusammen kommen."Wir brauchen gerade bei uns offene Kirchen." Dabei war gerade die Müncheberger Kirche schon immer für eine Überraschung gut.Ausgerechnet ein in der Gegend bekannter Trunkenbold erhielt in diesem Gotteshaus ein Ehrengrab.Dieser ungläubige Gastwirt war zuvor von aufgebrachten Münchebergern erschlagen worden.Denn er hatte in seinem Heimatort Steinhöfel nicht etwa das Müncheberger Bier ausgeschenkt, sondern die Marke aus dem nahen Fürstenwalde bevorzugt.Nach vielen Provokationen wurde der Steinhöfeler schließlich ermordert.Doch der zuständige Bischof wies an, zur Strafe diesen Gastwirt in der Müncheberger Kirche zu bestatten."Wenn sich diese Geschichte auch schon vor 480 Jahren zutrug, beweist sie doch die Offenheit und die Toleranz", kommentierte Generalsuperintendent Rolf Wischnath diese Episode. Agrarminister Zimmermann faßte sein Engagement kurz zusammen: Er sei nicht nur für die Bauern zuständig, sondern für den ganzen ländlichen Raum."Wir müssen dafür sorgen, daß das Leben auf dem Lande lebenswert bleibt und die jungen Leute bleiben.So eine Kirche mit einem tollen Programm kann durchaus diesem Ziel dienen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben