Boxen : Das Nagelkreuz aus Coventry soll die Garnisonkirche krönen

Thorsten Metzner

Die renommierte Deutsch-Englische Gesellschaft, zu deren Ehrenpräsidenten Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt gehören, hat sich in die Debatte um den Aufbau der Potsdamer Garnisonkirche eingeschaltet. Der Vorsitzende Hermann Freiherr von Richthofen begrüßte gestern das Konzept der Evangelischen Kirche, den 88 Meter hohen barocken Garnisonkirchturm mit dem weltweit als Versöhnungssymbol bekannten Nagelkreuz von Coventry zu krönen - statt mit dem historischen Preußenadler. "Dies wäre ein sichtbarer Ausdruck für Versöhnung und Verständigung, würde der europäischen Geschichte Potsdams sinnvoll Rechnung tragen", betonte von Richthofen. Der frühere Botschafter der Bundesrepublik in London verwies darauf, dass Potsdam wie Coventry in den letzten Kriegstagen Opfer eines sinnlosen Bombenangriffs geworden sei.

Nach Auffassung von Richthofens könne die Garnisonkirche mit dem Nagelkreuz "dem Versöhnungsgedanken dienen" und so ein Beitrag für die deutsch-britischen Beziehungen sein, denen sich die seit 1949 bestehende Gesellschaft mit ihren 2500 Mitgliedern verschrieben hat. Ihre jährliche "Königswinter-Konferenz", im Verhältnis beider Staaten längst eine Institution, fand im vorigen Jahr erstmals in Potsdam statt.

Ausdrücklich "bedauerte" von Richthofen die jüngste Verhärtung der Fronten in der Debatte um die Gestalt der Turmspitze und mahnte beide Seiten zur Besonnenheit. "Eine Einigung sollte möglich sein." Der Traditionsverein "Potsdamer Glockenspiel", der bislang 5 Millionen Euro für das auf rund 10 Millionen Euro geschätzte Vorhaben gesammelt hat, pocht bislang auf die historische Wetterfahne mit dem preußischen Adler - und begründet dies mit dem Willen der Spender und der einen originalgetreuen Wiederaufbau des Gotteshauses fordernden Vereinssatzung. Dennoch mehren sich selbst aus dem konservativen Lager Stimmen, die für einen Kompromiss plädieren. So warnte jüngst Vizeregierungschef Jörg Schönbohm, Schirmherr des Wiederaufbaus, dass das in greifbare Nähe gerückte Vorhaben wegen des einen symbolträchtigen Details nicht scheitern dürfe. Oder die Potsdamer CDU-Bundestagsabgeordnete Katharina Reiche, die zwar persönlich den Preußen-Adler favorisiert, aber "mit dem Nagelkreuz leben könnte." Der Wunsch der Spender sei verständlich. "Vielleicht ist es möglich, einen Platz für das Nagelkreuz in oder vor der Kirche zu finden?", so Reiche.

Dagegen hebt die evangelische Kirche in ihrem Konzept ausdrücklich hervor, dass gerade das Coventry-Friedenskreuz in der Silhouette Potsdams weithin sichtbar von der "Veränderung", vom "neuen Inhalt" der Garnisonkirche künden würde. Dies könne Missbrauch und Missdeutung des Bauwerkes verhindern, in dem am 21. März 1933 von Hitler und Hindenburg der "Tag von Potsdam" zelebriert worden war. Beim Bombenangriff in der Nacht vom 14./15. April 1945 war die Kirche ausgebrannt und 1968 auf Geheiß von SED-Chef Ulbricht gesprengt worden. Das nach heftigen innerkirchlichen Debatten von Kreis- und Landessynode der evangelischen Kirchen abgesegnete Aufbaukonzept sieht vor, die aufgebaute Garnisonkirche als für alle offene City-Kirche - ohne eigene Kirchgemeinde - und als Versöhnungszentrum in Zusammenarbeit mit der Friedenskathedrale von Coventry zu nutzen. Am 23. Januar wird die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung darüber abstimmen. Eine Zustimmung für das Konzept gilt als sicher - mit dem Coventry-Nagelkreuz.

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