Boxen : Das Skandal-Gefängnis als Muster-Knast

Die JVA Brandenburg will ihren Ruf verbessern und öffnete sich erstmals für Reporter. Doch mit Häftlingen sprechen durften sie nicht

Thorsten Metzner

Brandenburg/Havel - Die silbernen Stacheldrahtrollen blinken in der Wintersonne. Die Justizvollzugsanstalt von Brandenburg an der Havel liegt an diesem kalten Winterdonnerstag wie ausgestorben da. Kein Häftling ist zu sehen, nirgendwo zwischen den imposanten ziegelroten Gefängnishäusern aus den 20er Jahren. Doch die Anstalt, die zuletzt im Frühjahr 2004 in die Schlagzeilen kam, weil Aufseher Häftlinge misshandelt haben sollen, wurde nicht etwa geschlossen. So sieht vielmehr ein Tag der offenen Tür, eine Imageoffensive für das Gefängnis mit dem schlechtesten Ruf im Land aus.

Justizministerin Beate Blechinger (CDU) erlaubte gestern rund 30 Journalisten erstmals einen Blick in die Anstalt – nun ja, einen eingeschränkten Blick. „Aus Sicherheitsgründen ist kein Kontakt zu Häftlingen möglich“, erklärt Anstaltsleiter Hermann Wachter beim Rundgang durch eine menschenleere Anlage. Er wirkt genervt, als er immer wieder nach den vielen Affären in dem Haus gefragt wurde. „Es ist für das Klima, für die Mitarbeiter natürlich eine Belastung“, so Wachter. Tatsächlich gab es das bislang wohl noch nie in Deutschland: Von den 480 Bediensteten der JVA sind derzeit 28 suspendiert oder angeklagt – wegen Misshandlung eines Gefangenen, weil sie sich aus der Gefängnisapotheke bedienten, weil sie sich von Häftlingen Grills und andere nützliche Utensilien anfertigen ließen. Die Ausfälle belasteten die innere Abläufe, sagt einer der Bediensteten. „Andere müssen dafür Überstunden machen“. Dennoch seien die Schlagzeilen ungerecht. „Die meisten hier haben sich nichts vorzuwerfen.“

Und trotz ihres schlechten Rufes, so soll die Botschaft des Termins sein, ist diese JVA so etwas wie ein Musterknast: In keinem anderen Brandenburger Gefängnis gibt es so viele Betriebe und Werkstätten, in denen die Häftlinge arbeiten können. 70 Prozent der 745 Insassen haben einen Job, bei dem sie rund 9 bis 15 Euro pro Tag verdienen. Da ist ein Metallbetrieb, eine Gärtnerei, eine Schneiderei, eine Möbelproduktion. Sogar eine KFZ-Werkstatt, die Dienst- und Privatwagen wartet und repariert, gibt es. „Das ist keine Beschäftigungstherapie. Die Produkte werden verkauft“, erklärt Jörg-Peter Futh, Leiter der JVA-Arbeitsverwaltung. So zeigte sich die Anstalt wie ein Gemischtwarenladen, der dank der niedrigen Häftlingslöhne mit günstigen Preisen werben kann. Aus dem aktuellen Angebot: Ein gusseiserner Deckenleuchter, der für „20 bis 25 Euro“ verkauft werden soll. Oder Feuerkörbe für die Gartenterrasse für „rund 100 Euro“, wie Betriebsleiter Michael Rosenberg erklärt. In der Tischlerei und Polsterei wartet zum Beispiel ein Gartentisch auf einen Käufer: Massivholz, Handarbeit, 177 Euro. Für Büromöbel gibt es sogar schon einen gedruckten Katalog. Dieser JVA-Eigenbetrieb hat gerade die neu gebaute JVA Duben mit Möbeln versorgt. „Das läuft jetzt leider aus. Wir könnten gut neue Aufträge gebrauchen“, sagt Betriebsleiter Ingo Hoff. „Die Firmen sind zurückhaltend, bei uns produzieren zu lassen.“ Und andere, auch das wird eingeräumt, fürchten die billige Konkurrenz. Pech hatten nur die Häftlinge, die wegen der PR-Offensive für die vorbildlichen Arbeitsmöglichkeiten in der JVA gestern nicht arbeiten durften. Ihnen entging ein Tageslohn.

Anfragen für JVA-Produkte unter Telefon 03381/7614000.

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