Boxen : DDR-Museum: Wenn Fortschritt Weltniveau hat

Claus-Dieter Steyer

Die Dame am Telefon liess keinen Zweifel zu. "Natürlich sind wir in der BRD das einzige Museum, das sich mit der DDR beschäftigt." Das hatte gesessen. Öffnungszeiten und Wegbeschreibung folgten. Dennoch wuchs auf der Fahrt nach Eisenhüttenstadt die Skepsis. Ein DDR-Museum im einst als "erste sozialistische Stadt" der Republik gefeierten Ort an der Oder? Da wird es wohl die üblichen Sammlungen von alten Suppentüten, Schokoladentafeln, Büchern, Formularen oder Uniformen geben. Doch kurz vor dem zehnten Jahrestag des Verschwindens dieses Landes wäre vielleicht auch so ein Rückblick amüsant. Beim Drücken des Klingelknopfes in einem ehemaligen Kindergarten der Erich-Weinert-Allee hielten sich die Erwartungen dennoch in Grenzen.

Doch die vor anderthalb Stunden am Telefon gesprochene Museumsführerin überraschte gleich mit zwei Zahlen: "Auf Sie warten 17 Ausstelllungsräume. Hoffentlich reicht Ihre Zeit", sagte sie etwas vorwurfsvoll mit Blick zur Uhr. "Eine Stunde reicht bestimmt nicht."

Die Frau sollte Recht behalten. Im "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" kann der Besucher, gleich ob er das Land aus eigenem Erleben kennt oder sich dafür erst seit zehn Jahren intensiver interessiert, zum ausgiebigen Sehen, Hören und Lesen verführen lassen. Irgendwie war die DDR doch ein Land mit sieben Siegeln, voller Spannung und Langeweile, anerkannt und verschmäht, be- und überwacht, lustig und engstirnig. Die Ausstellungsmacher haben ihre Erkundungen im DDR-Alltag unter den Titel "Fortschritt, Norm & Eigensinn" gestellt. Was sich etwas hölzern anhört, klärt sich spätestens nach einigen Räumen auf. "Fortschritt" stand für das Ziel einer besseren, gerechten Gesellschaftsordnung des Kommunismus, "Norm" drückte die Zentralisierung und Einengung aus, während "Eigensinn" eher die persönliche Welt der Menschen ausdrückte.

Per Video oder Tonband wird der längst vergessene oder verdrängte Alltag aus der Versenkung geholt. Ein Bericht über den Kühlschrankproduzenten dkk Scharfenstein im Erzgebirge enthält beispielsweise so eine köstliche Formulierung: "Unser technischer Fortschritt entspricht dem Weltniveau und ist dem Niveau ähnlicher Betriebe in sozialistischen und kapitalistischen Ländern vergleichbar." Nicht viel mehr Einfallsreichtum war den Verfassern solcher Losungen beschieden: "Rationeller produzieren für Dich, für uns, für unseren sozialistischen Friedensstaat" oder "Mit hellen Köpfen und heißen Herzen tragen sie zur Stärkung unseres Arbeiter- und Bauernstaates bei".

Wie schnell sich die Zeit änderte, zeigt ein Blick auf die Wandtafel im nachgestellten Klassenzimmer einer DDR-Grundschule. Damals zum Alltag gehörende Begriffe sind heute weitgehend verschwunden: "Patenbrigade", "Elternaktiv", "Handgranatenzielweitwurf", "Kopfnoten", "AG Junge Historiker" oder "Wandzeitungsredakteur". Lächeln rufen nicht zuletzt ein 1962 von Schülern bestickter Kartoffelsack zum 10. Jahrestag der LPG in Marxwalde, das seit zehn Jahren wieder den Namen Neuhardenberg trägt. Der "Wohnbezirksausschuss und die Gruppe Solidarität 23" der Wilhelm-Pieck-Stadt Guben verwandten ihrerseits viel Mühe auf die Fertigung eines Teppichs mit der Inschrift "30 Jahre DDR".

Weniger humorvoll geht es in den Räumen zu, in denen Zeitzeugen über ihre Erfahrungen mit ausländischen Arbeitern berichten. Vielleicht noch aufschlussreicher sind die Tonbandprotokolle von Gesprächen mit vietnamesischen Arbeitern über ihr DDR-Bild. Auch die Interviews mit Beschäftigten der DDR-Ausreisekontrolleure am Bahnhof Friedrichstraße oder die Reden von Walter Ulbricht während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin sagen oft mehr als dicke Analysen von Wissenschaftlern über die ostdeutsche Gesellschaft. Gleichwohl genießt die Schau vor allem in Berliner Wissenschaftler- und Studentenkreisen fast den Rang eines Geheimtipps.

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