Boxen : Der Ärger der Besatzungsmacht

Claus-Dieter Steyer

Die Aufregung in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Oranienburg war groß. Ein Kurier des Russischen Staatsarchives hatte sich zur Übergabe wertvoller Dokumente angemeldet. Diese sollten zu der neuen Ausstellung über das zwischen 1945 und 1950 existierende sowjetische Internierungslager gehören. Doch nach der massiven Kritik durch das russische Außenministerium am Ausstellungsinhalt wuchsen die Zweifel, ob sich der Kurier an die Verabredung halten werde. "Schließlich hätte Moskau ihm verbieten können, den Koffer zu übergeben", sagte Stiftungsdirektor Günter Morsch. Doch alle Panik war unnötig. "Der Kurier aus Moskau ist da!", hallte es durch den Flur. Das russische Staatsarchiv hatte sich nicht um die Kritik aus Moskau gekümmert.

Morsch zeigt ein Totenbuch des Lagers, ein Lageralbum und andere kostbare Dinge. Sie sind zusammen mit weiteren 700 Exponaten ab morgen in der 5,4 Millionen Mark teuren Dauerausstellung über das Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zu sehen. Der Sprecher des russischen Außenministeriums hatte der Gedenkstätte deshalb ein "Reinwaschen der Untaten von Nazi-Verbrechern" vorgeworfen. Es sei nicht zu rechtfertigen, die Verbrechen des Faschismus und die Handlungen der sowjetischen Besatzungsmacht auf eine Stufe zu stellen. Die Besatzungstruppen hätten sich im Rahmen der zwischen den Siegermächten vereinbarten Politik der Entnazifizierung und Demilitarisierung bewegt. Weder habe die russische Seite an der Konzeption der Ausstellung mitgearbeitet, noch werde sie bei der Eröffnung vertreten sein, sagte der Sprecher. Sachsenhausen sei vor allem ein Ort des Völkermordes der Nazis.

Günter Morsch hält die Kritik für "unverständlich und enttäuschend". Nur dank der Zusammenarbeit mit mehreren Institutionen in Russland sei eine Aufarbeitung der Geschehnisse in Sachsenhausen nach Kriegsende überhaupt erst möglich geworden. Insgesamt 60 000 Menschen hatte der NKWD im Kernbereich des früheren Konzentrationslagers von August 1945 bis zum Frühjahr 1950 gefangengehalten. Hier bestand das größte von insgesamt zehn Inhaftierungslagern in der sowjetischen Besatzungszone. 12 000 Häftlinge überlebten Sachsenhausen nicht. Die meisten verhungerten oder fielen Krankheiten und Seuchen zum Opfer. Die Hälfte aller Häftlinge fiel unter die Beschlüsse der Alliierten, wonach Funktionäre der NSDAP und Angehörige des Terrorapparates zu verhaften waren. Weiterhin gehörten zu den Internierten in Sachsenhausen 6500 Wehrmachtsoffiziere und 7500 Ausländer. Alle anderen waren zumeist unschuldig inhaftierte Menschen.

Doch das Ausstellungsteam muss sich nicht nur gegen Kritik aus Moskau wehren. Die "Union der Opferverbände kommunistisch Verfolgter" hat vor der offiziellen Eröffnung am Sonntag eine Demonstration gegen die ihrer Meinung nach einseitige Darstellung angekündigt. Alle Häftlinge des Lagers nach 1945 würden zu Nazis erklärt, heißt es in einem Aufruf.

Gedenkstättendirektor Morsch kann sich die Aufregung nur durch ein "Festhalten an liebgewordenen Vorurteilen" erklären. Die Wahrheit sei eben manchmal sehr schmerzhaft. Auf keinem Fall werde in der Gedenkstätte Sachsenhausen der Lageralltag vor und nach 1945 gleichgesetzt. Bei den Nazis habe es ein systematisches Töten durch Erschießen, Erhängen und Vergasen gegeben. Etwa 56 000 der 204 000 KZ-Häftlinge kamen zwischen 1936 und 1945 ums Leben. Im sowjetischen Lager sei niemand erschossen oder erhängt worden. "Aber wir vegetierten dahin und warteten auf den Tod. Das war das Schlimme", erzählte der ehemalige Häftling Horst Jänichen, der als 15-jähriger wegen seiner Funktion in der Hitlerjugend in Sachsenhausen inhaftiert wurde.

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