Boxen : Der Fall Schmökel: Irre

Mathias Wöbking

Mindestens vierundzwanzig Jugendlichen durchbiss Fritz Haarmann von 1918 bis 1924 die Kehle. Er zerstückelte die Opfer und warf sie in einen Fluss. Gerüchten nach soll er sogar Teile des Menschenfleisches an einen Laden verkauft haben - an eine Fleischerei.

1925 wurde der in der damaligen Sprache für "schwachsinnig" befundene Massenmörder Haarmann hingerichtet. Für den Psychologen Theodor Lessing, ein Beobachter des Verfahrens, war das Urteil jedoch ein Justizskandal. Lessing sprach dem seiner Ansicht nach "degenerierten" Triebtäter die Schuldfähigkeit ab und forderte deshalb seine Einweisung in psychiatrische Behandlung - vergeblich.

Heute haben sich die Begriffe geändert. Das Problem, das die Menschen beschäftigt, ist aber noch immer dasselbe - nicht erst seit der Flucht des Sexualtäters Frank Schmökel. Dabei hatte schon 1912 der Psychiater Gustav Aschaffenburg gefragt: "Wohin mit irren Verbrechern und verbrecherischen Irren?" Eine allgemein akzeptierte Lösung hatten die Psychologen und Juristen der späten Kaiserzeit jedoch so wenig wie heute.

Diagnose: Zuchthausknall

Aschaffenburg forderte, spezialisierte Anstalten an die Gefängnisse anzugliedern. Er hatte die "Irrenanstalten" und Gefängnisse in Deutschland besichtigt und kritisierte nun, dass die "geisteskranken Verbrecher" in keiner der beiden Anstaltstypen eine angemessene Behandlung erfuhren. Der Psychiater wollte erreichen, dass die für ihn "geistig minderwertigen" Menschen einerseits in ihrer Krankheit behandelt, dass die Bevölkerung gleichzeitig aber auch vor ihnen geschützt würde.

Um die öffentliche Sicherheit hatten sich bereits seit der Jahrhundertwende zahlreiche "Irrenärzte" Sorgen gemacht. Sie beklagten, dass Häftlinge, die im Gefängnis am so genannten "Zuchthausknall" erkrankt waren und nun als "geisteskrank" eingestuft wurden, einfach in die Irrenanstalten abgeschoben wurden - ein Weg, den auch die Romanfigur Franz Biberkopf in Alfred Döblins Roman"Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1929 gehen sollte.

Während Franz Biberkopf am Ende des Döblin-Romans in einer martialischen Behandlung durch die Ärzte "zurechtgebogen" wird, hätten sich die Irrenanstalten der Wirklichkeit wohl gegen seine Aufnahme zumindest gewehrt. Nicht zuletzt, weil sie in vielen Verbrechern Simulanten vermuten, die sich aus der psychiatrischen Behandlung eine leichtere Flucht erhoffen.

Wenn auch der Massenmörder Fritz Haarmann 1924 zum Tode verurteilt wurde, zum Ärger der Irrenanstalten schickten auch die Gerichte Straftäter in ihre Obhut statt ins Gefängnis oder Zuchthaus. Die Grundlage dafür war der damals berüchtigte Paragraph 51 des Strafgesetzbuches, nach dem Gesetzesbrecher von der juristischen Schuld an ihrer Tat freizusprechen waren, wenn ihnen zum Tatzeitpunkt Unzurechnungsfähigkeit bescheinigt wurde.

Bei der Bevölkerung stieß der Paragraph 51 auf wenig Akzeptanz. Fritz Lang gab dieser Stimmung in seinem 1931 gedrehten Film "M - eine Stadt sucht einen Mörder" Ausdruck. Der von Peter Lorre gespielte Serienkiller entgeht zwar wegen des Paragraphen 51 dem Todesurteil. Jedoch richten die Mütter der ermordeten Mädchen in der Schlussszene des Films an das Kinopublikum die verzweifelte Frage: "Und was wird aus den Kindern?"

Parallel dazu machten die in der Weimarer Republik um Deutungshoheit ringenden so genannten Kriminalbiologen aus den "irren Verbrechern" ihr Forschungsobjekt. Die selbst ernannten Wissenschaftler suchten nach den biologischen Ursachen von Verbrechen.

Dafür stellten die Kriminalbiologen die Familienstammbäume der Untersuchten auf und nahmen Maß an deren Schädel und Nasenflügel. Im Weltbild dieser Biologen gehörten auch Prostituierte und Homosexuelle in die Gruppe der "geistesschwachen" Menschen mit einer "minderwertigen" Anlage.

Nun sollte generell jeder, der nicht in das moralische Korsett der Zeit passte, "unschädlich" gemacht werden. Die Konsequenz war das 1932 im Reichstag diskutierte "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Ein Jahr später setzten die Nazis es in die Tat um.

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