Boxen : Der Fall Ulrike: Selbstmitleid statt Reue

Stefan Jacobs

Der wegen Vergewaltigung und Mordes an der zwölfjährigen Ulrike Brandt aus Eberswalde angeklagte Stefan J. hat auch am gestrigen zweiten Prozesstag keine Reue gezeigt. Stattdessen sagte der 25-Jährige vor dem Frankfurter Landgericht, er habe Ulrike "aus Wut entführt, weil sie sich gewehrt habe, als er nach dem Zusammenstoß mit seinem Auto ihren Fahrradlenker zurechtbiegen wollte. Die Aussagen des Angeklagten wichen erheblich von dem ab, was er bei früheren Vernehmungen ausgesagt hatte. J. war am 28 .März dieses Jahres verhaftet worden - fünf Wochen nach der Tat.

War das Martyrium des Kindes geplant oder war es wirklich nur das grausame Ergebnis von Kurzschlusshandlungen? Stefan J. bleibt bei seiner Version, er habe das Mädchen zufällig angefahren. Stockend und undeutlich schildert er den Verlauf des 22. Februar 2001 - jenes Tages, an dem Ulrike sterben musste. Die Eltern des Kindes sitzen wieder im Saal. Vor ihnen liegen in einer rosa Mappe die vielen Blätter, die Ulrikes Mutter, Kerstin Brandt, tags zuvor vollgeschrieben hatte. Daneben ein kleines Album mit Familienfotos aus glücklicheren Tagen. Während mancher Verhandlungspausen blättert die Mutter darin. Ansonsten wendet sie ihren Blick nicht vom Angeklagten, der keine zehn Meter entfernt sitzt. Ihr Mann müsste den Kopf nur ein klein wenig nach rechts drehen, um Stefan J. zu sehen. Doch er schaut nur geradeaus oder auf die Notizen seiner Frau.

Für den Angeklagten begann der 22. Februar mit einer Fahrscheinkontrolle. Seit Wochen, so Stefan J., habe er Tage und Nächte auf Bahnhöfen oder in S-Bahn-Waggons verbracht. Seine Wohnung in Fürstenwalde sei ihm zu unsicher geworden, nachdem er im Suff jemanden bestohlen habe und nun vom Opfer bedroht worden sei. Es sei noch dämmrig gewesen, als die Kontrolleure den Schwarzfahrer J. am S-Bahnhof Strausberg aussteigen ließen. Mit einem gestohlenen Mountainbike dabei sei er zur Sparkasse gefahren und dann, weil sein Konto leer war, zum nächsten Supermarkt, um etwas Essbares zu klauen: Salami, Brot, Cola. Und eine kleine Flasche Schnaps, wie J. vor Gericht sagt. Nach dem Frühstück habe er zufällig jenen VW Polo entdeckt, den die Ermittler Tage nach Ulrikes Verschwinden ausgebrannt fanden.

Stefan J. knackte das Auto, lud das Fahrrad ein und startete Richtung Berlin. Er habe zur Autobahn gewollt, um Kumpels bei Fürstenwalde zu besuchen, aber den Weg nicht gefunden. Unterwegs habe er noch eine große Schnapsflasche geklaut und von dem Kleingeld, das im Auto lag, fünf Dosen Bier gekauft. Schließlich sei er von Strausberg nach Bernau und Eberswalde gefahren. J. zählt die Dörfer auf, in denen er jeweils eine Dose geleert und Schnaps getrunken haben will. Die genaue Erinnerung daran steht in seltsamem Gegensatz zu seinen sonst so vagen Schilderungen. Ob die Verteidiger ihrem Mandanten erklärt haben, dass alkoholisierte Täter auf Strafmilderung hoffen können? In früheren Vernehmungen, die ihm die Staatsanwältin jetzt vorhält, war von Alkoholkonsum jedenfalls keine Rede.

Als er in jenen Sandweg am Rand von Eberswalde einbog, sei er schon ziemlich betrunken gewesen. Er habe versehentlich "ruckartig nach rechts gelenkt, bis der Unfall mit dem Mädchen kam", stammelt J. "Lüge!", murmelt Ulrikes Vater, der sich bis eben auf die Daumen seiner gefalteten Hände gebissen hat, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Als J. auf Nachfrage der Richterin die Unfallversion wiederholt, schüttelt er den Kopf. Er glaubt nicht an einen Unfall. "Sie haben gesagt, dass Sie Ulrike bemerkt haben, als sie noch über 25 Meter entfernt war. Da hatten Sie keine Chance auszuweichen?", fragt Gregor Gysi, der die Eltern als Nebenkläger vertritt. Stefan J. bleibt die Antwort schuldig. Stattdessen erklärt er die Widersprüche zu seinen Aussagen nach der Verhaftung: Er habe damals starke Kopfschmerzen gehabt, weil ihm bei der Polizei mehrere Haare ausgerissen worden seien. Die Mutter des Opfers seufzt entnervt, als er zum zweiten Mal selbstmitleidig darüber zu klagen beginnt.

Als Ulrike gestürzt war und er "ihren Fahrradlenker richten wollte, hat sie mich weggeschubst und gesagt, ich solle abhauen", sagt J.: "Dann hat sie mir ins Schienbein getreten. Da bin ich richtig wütend geworden." Er habe das Kind gepackt, auf den Beifahrersitz gestoßen, "reflexartig" die Tür verriegelt und sei losgefahren. Vor Wut - nicht "in Panik", wie es bisher hieß. "Das ist alles ganz schwer nachzuvollziehen", sagt die Vorsitzende Richterin. Warum er außerdem den Verriegelungsknopf der Beifahrertür abgeschraubt habe, erkundigt sich Gysi. "Damit sie beim Langsamfahren nicht rausspringen kann." "Warum sollte sie nicht rausspringen"? hakt Gysi nach. "Damit nicht noch mehr passiert." Ein leises Raunen geht durch die Zuhörerreihen. Denn die Bemerkung ist unendlich grotesk angesichts dessen, was Ulrike in den folgenden Stunden passiert sein muss. Der Angeklagte hat nicht nur den Mord, sondern auch die mehrfache Vergewaltigung bereits gestanden. Mit deren Einzelheiten wird sich das Gericht voraussichtlich am Montag beschäftigen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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