Boxen : Der Kronprinz kommt

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November 1989: Aktivisten der DDR-Umweltbewegung gründen die Grüne Liga. Ihr Sprecher wird ein junger Mann, der bereits eineinhalb Jahre zuvor die Potsdamer Bürgerinitiative ARGUS ins Leben gerufen hatte. Matthias Platzeck wollte mit dieser „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung“ auf Probleme aufmerksam machen, die ihn seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn am Institut für Lufthygiene in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) beschäftigten. Der gebürtige Potsdamer sitzt zwischen Dezember 1989 und Februar 1990 am Zentralen Runden Tisch und wird in der Modrow-Regierung Minister ohne Geschäftsbereich.

März 1990: Platzeck kandidiert in Potsdam für die Grüne Partei der DDR bei der Volkskammerwahl, gewinnt und gehört zu den 144 Abgeordneten, die am 3. Oktober zur Konstituierung des gesamtdeutschen Bundestags nach Bonn delegiert werden.

November 1990: Der inzwischen 36-jährige Platzeck übernimmt in Stolpes Ampelkoalition das Amt des Ministers für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung. Er prägt in den kommenden Jahren die Umweltpolitik des Landes deutlich mit und wird bundesweit populär, als er die Fusion der ostdeutschen Bürgerbewegung Bündnis 90 mit den westdeutschen Grünen ablehnt. Platzeck bleibt als Parteiloser im Kabinett Stolpes und wird nach der Landtagswahl 1994 als Umweltminister bestätigt. Er gilt als pragmatisch, was sich beispielsweise bei der Diskussion um die Abbaggerung der Gemeinde Horno zeigt: Platzeck ist zunächst dagegen, schwenkt dann aber auf die abwartend-neutrale Linie der Landesregierung ein.

Juni 1995: Platzeck tritt in die SPD ein.

Juli / August 1997: Das Oder-Hochwasser macht Platzeck über Nacht deutschlandweit berühmt. Er versteht es, in den Medien eine glänzende Figur abzugeben: „Endlich wieder einmal ein Ossi zum Vorzeigen“, schwärmt ein Parteifreund. Als „Deichgraf“ von Brandenburg erweist sich Platzeck als perfekter Krisenmanager – sei es bei der Sicherung der Deiche oder bei der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Wegen seiner Einsatzbereitschaft und Glaubwürdigkeit wird er als erster Politiker mit der „Goldenen Kamera“ der „Hörzu“ ausgezeichnet.

Februar 1998: Nach langem Drängen entschließt sich Platzeck dazu, die Nachfolge des farb- und glücklosen Potsdamer Oberbürgermeisters Horst Gramlich (SPD) anzutreten. Nachdem Gramlich durch Bürgerentscheid abgewählt ist, setzt sich Platzeck mit 63,5 Prozent der Stimmen gegen seine Mitbewerber für das OB-Amt durch. Er schafft es, die brandenburgische „Jammer-Hauptstadt“ auf Vordermann zu bringen. Platzeck schiebt eine Verwaltungsreform an, reduziert die Neuverschuldung – und wird von einer Frauenzeitschrift zum „schönsten Bürgermeister Deutschlands“ gekürt.

Juli 2000: Die brandenburger SPD wählt Platzeck zu ihrem Landesvorsitzenden, längst gilt er als „Kronprinz“, der Ministerpräsident Manfred Stolpe nachfolgen soll. Zu den ersten Gratulanten zum Landesvorsitz zählt Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Platzeck offenbar ins Herz geschlossen hat. Immer wieder berichten Medien, dass Schröder erwägt, Platzeck ein Ministeramt anzubieten. Der „Kanzlerliebling“ soll diese Offerten stets mit dem Hinweis abgelehnt haben, sein Wirkungsfeld sei Potsdam und Brandenburg.

Februar 2001: Der Leiter des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer (CDU) beruft Platzeck in den Rat für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Platzeck übernimmt den Vorsitz, gibt ihn jedoch bereits Ende 2001 wieder ab – aus Zeitgründen.

Mai 2002: Die Debatte um einen Wechsel Platzecks in die Bundespolitik flammt im Zuge des Wahlkampfs wieder auf. Journalisten beobachen allerdings, dass Kanzler und OB sich distanzierter geben und führen dies auf eine Absage Platzecks zurück, in Schröders Team mitzuarbeiten. Seit gestern scheint nun festzustehen, dass Matthias Platzeck dem Rat der vor acht Monaten verstorbenen Regine Hildebrandt folgt. Sie hatte ihrem ehemaligen Kabinettskollegen stets gewünscht: „Bevor er nach Berlin geht, soll er erstmal eine Weile als Ministerpräsident von Brandenburg arbeiten.“ das

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